Herr Führer hütet seit 1980 den Berg

Josef Führer
Josef Führer(c) Clemens Fabry/ Die Presse
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Dem Portier, der am Eingang zum ORF-Zentrum auf dem Küniglberg an der Würzburggasse 30 sitzt, entgeht kaum etwas. Josef Führer erinnert sich.

Seit 1980 arbeitet Josef Führer als Portier auf dem Küniglberg. Jeder, der seither für den ORF gearbeitet oder mit ihm zu tun gehabt hat, muss an seiner Loge vorbei, in der Würzburggasse 30. Als Herr Führer anfing, war der legendäre Gerd Bacher nach seiner Rückkehr nach Wien gerade in seiner zweiten Periode als Generalintendant. Herr Führer zählt auf: „Herr Bacher, Herr Podgorski, noch einmal Herr Bacher, Herr Zeiler, Herr Weis, dann wurde die Bezeichnung unter Frau Lindner in Generaldirektoren umbenannt, und schließlich Dr. Wrabetz.“ Der wird für ihn wohl der letzte Chef sein: „In vier Monaten bin ich 65 und habe Anspruch auf Pension. Ich habe mit 15 Jahren zu arbeiten begonnen“, sagt er ernst und fügt verschmitzt hinzu: „Ich habe mit meinen Vorgesetzten schon ausgemacht, dass ich ein Jahr länger bleibe. Ich lasse die Pension noch ein Jahr ruhen.“

Der gelernte Tischler aus Favoriten liebt seinen Beruf. Was war die goldene Zeit? „Bevor unser Kindernachmittag in die Studios am Rosenhügel gekommen ist. Da war bei ,Kasperl‘ viel los! Seither wurde so vieles ausgegliedert. Wir haben aber noch genug zu tun, mit den Journalen, den Magazinen, mit Produktionen im Haus, zum Beispiel ,Was gibt es Neues‘. Im März ist immer ,Dancing Stars‘, im Herbst kommt oft ,Die große Chance‘. Es reißt nicht ab.“

1980 sei weniger Betrieb gewesen: „Damals gab es nur sieben Objekte, acht und neun wurden später dazugebaut. Und Führungen hat es nicht gegeben. Jetzt werden sie sieben Tage die Woche gemacht. Das Unternehmen ist gewachsen.“ 1300 Autos fahren täglich vorbei, im Durchschnitt kommen 3000 Besucher. Das merkt man. Im Minutentakt kommen Wagen an. Fußgänger werden mit Handschlag begrüßt. Ein junger Mann fährt vor. „Servas Junior“, sagt Herr Führer und erklärt: „Er ist der Sohn vom Harald Serafin, der die Seefestspiel in Mörbisch geleitet hat, der Sohn ist jetzt bei ,Dancing Stars‘.“


Gab es Krisen? „Am schlimmsten war es, als es den Kampf Bacher gegen (,Krone‘-Chef, Anm.) Dichand gab. Da standen wir täglich negativ in der Zeitung. Auch die Briefbomben Mitte der Neunzigerjahre waren arg, als Frau Meixner (die ,Heimat, fremde Heimat‘ moderiert, Anm.) drei Finger weggerissen wurden. Wir hatten dann eine Röntgenstraße im Postbüro, keine Taxis durften für ein halbes Jahr herauf. Ich habe einen Verbesserungsvorschlag zur Sicherheit gemacht. Generalsekretär Kurt Bergmann hat mir gesagt: ,Herr Führer, wir sind nicht Stein, sondern ein öffentlich-rechtliches Unternehmen.‘ Damit war die Sache für mich erledigt.“

Es gab aber auch Gelegenheit zu Scherzen, sagt der bekennende Rapid-Fan aus Favoriten, und erzählt von einem Foul: „Einmal waren Schneckerl Prohaska (von der Austria, Anm.) und Hans Krankl (von Rapid, Am.) bei einer Sendung. Prohaska ist mit seinem weißen Mercedes vorgefahren. Ich habe ihn gebeten, außerhalb zu parken, es gebe keine Plätze mehr auf dem Gästeparkplatz oben. Zwanzig Minuten später kommt der Krankl. Ich sage zu ihm: ,Sie möchte ich am liebsten rauftragen‘, und winke ihn durch. Oben treffen sie sich in der Kantine. Sagt der Prohaska: ,Du, der Portier hat an festen Hieb. Der Gästeparkplatz ist leer, und er lässt mich nicht rauf.‘ Heute sind Prohaska und ich per Du und die besten Freunde.“

Bei der Arbeit ist Führer höchst diszipliniert. „Fürs Essen oder Lesen in der Pause gehen wir hinunter in den Aufenthaltsraum. Das gibt es hier oben nicht. Wir sind der erste Ansprechpartner im ORF. Es wird die Türe aufgemacht, man stellt sich raus, macht auch Kontrollen.“ Der Betrieb geht vom Morgengrauen bis nach Mitternacht. „Schauen Sie, jetzt kommt der kaufmännische Direktor, Herr Grasl, aus Krems.“ Höflich wird gegrüßt. „Das Schönste ist es für mich, wenn einer sagt ,Servas, Peppi!‘ und ich sage ,Servas, Karli!‘. Es gibt aber auch welche, die können 365 Tage im Jahr nicht grüßen und schon gar nicht den Portier im dritten Untergeschoß. Dann gibt es noch Leute, die sagen: ,Kennen Sie mich nicht?‘ Wie soll ich alle kennen? Dann muss ich eben die Identität prüfen.“


Früher ging man zum Heurigen. Führer lässt auch Wehmut spüren: „Viele Damen und Herren, die ich sehr gut gekannt habe, sind inzwischen in Pension. Die Jüngeren kenne ich nicht mehr so gut. Früher sind wir alle noch zusammengesessen oder zum Heurigen gefahren, aus allen Abteilungen. Vor allem die Sportler, der Conrads, die Dönch. der Böhm vom ,Seniorenklub‘.“

Wie waren die Chefs? An Bacher hat er gute Erinnerungen. „Drei Tage vor seinem Abschied hat er mich in sein Büro geholt. Es wurde ein Foto mit mir und der Empfangsdame gemacht, Bacher in der Mitte. ,Für Peppi‘ hat er als Widmung geschrieben. Es gab einen Guglhupf und Blumen für die Kollegin. Auch mit Podgorski hatte ich ein Du-Verhältnis, er war beim Sport. Zeiler war da sein Generalsekretär, den habe ich auch gut gekannt. Das war gemütlich.“ Lindner und Weis waren etwas distanzierter. Und heute? „Mit Herrn Dr. Wrabetz ist es angenehm zu arbeiten, mit ihm und seinen Sekretärinnen kann man gute Gespräche führen.“ Entgeht dem Portier wirklich nichts, wie Gerüchte sagen? „Wenn ich einen beim Bus der Linie 8A aussteigen sehe, sage ich schon zum Kollegen. ,Ui! jetzt kommt was auf uns zu!‘. Die Stimmung kriegen wir sofort mit.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2014)

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