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Juliua Ortner
(c) Clemens Fabry/ Die Presse
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Wir vom Fernsehen sind nicht nur eitel, wir haben auch existenzielle Bedürfnisse. Eine Betrachtung über das Angesehenwerden und meinen Hinterkopf als Statement.

Dieser geübte Blick direkt in die Kamera, als würde er dich direkt anschauen, dich ganz speziell, daheim da auf deinem Sofa. Der Herr im dunklen Anzug, Typ Weltversteher, durchlebt gerade eine Metamorphose – vom Politiker zum Anchorman und gleich wieder retour, das alles live im Fernsehen. Den Blick immer schön in das Kameraauge, die Hände mit dem Kuli gestikulieren beschwörend, so erklärt Eugen Freund dem Publikum bei seinem Antrittsinterview als Politiker in der „ZiB2“ gleich einmal, wie das läuft in der Fernsehwelt: „Und jetzt sage ich noch etwas in die Kamera hinein, wir beide sind natürlich per Du, lange, lange per Du – und wir haben uns natürlich professionell vorgenommen, uns jetzt per Sie anzusprechen, deswegen habe ich jetzt diesen kurzen Einschub gemacht.“ Lou Lorenz, also die richtige Anchorwoman, sitzt neben ihm und ist wahrscheinlich froh darüber, dass man ihren Blick gerade nicht im Fernsehen sieht. Aber alles auch irgendwie logisch. Eugen Freund ist es gewohnt, hier das Gesicht zu sein. Das Gesicht, in das alle blicken wollen.

Die Macht des Bildes übt auf viele Menschen einen unwiderstehlichen Reiz aus, gerade auf die in der Fernsehwelt. Natürlich, das ist die Eitelkeit, sagen die anderen außerhalb der Fernsehwelt, immer wollen die vom Rundfunk ihr Gesicht ins Bild halten. Jetzt ist eine gewisse Eitelkeit gerade bei Menschen im Mediengeschäft ohnehin so etwas wie Arbeitsgrundlage, sonst kann man ja seinen Lebensunterhalt auch gleich als Computernerd bestreiten; und ja, Bildschirmauftritte mögen der einen oder dem anderen auch als Kompensationshandlungen für diverse Komplexe dienen. Aber alles nur Wichtigtuerei, das ist Küchenpsychologie.


Lust am Angesehenwerden. Die Freude am Bildschirmauftritt ist nicht nur ein banales Vergnügen. Dahinter stehen auch die existenziellen Grundstimmungen, die den modernen Menschen zu überwältigen drohen. Und die ganz grundsätzliche Frage nach dem Sein und dem Nichts, eine der wesentlichen Ideen, mit der sich die europäische Philosophie beschäftigt. Die Lust am Angesehenwerden, die drückt jedenfalls ein sehr elementares Bedürfnis des Menschen aus. Die Philosophen versuchen, die Existenz zu ergründen und zu verstehen, im Alltag der Medienbranche gibt es allerdings auch Menschen, die diese Fragen für sich schon beantwortet haben.

Zum Beispiel der Journalist und Entertainer Dieter Chmelar, 2011 war er Teilnehmer bei „Dancing Stars“. Chmelar hat mir damals den Reiz des Fernsehens sehr anschaulich erklärt – also vor meinem Wechsel von der Zeitungs- in die Fernsehwelt: „Das Angesehenwerden ist die mit Abstand stärkste Droge der Welt. Das ist vielleicht peinlich – aber es wäre verlogen, das nicht zuzugeben. Jetzt erkennen mich die Leute auf der Straße wieder. Kürzlich hat eine Dame zu mir gesagt: „Sie sind ja viel größer als in Wirklichkeit.“


Das Nichts überwinden. Größer als die Wirklichkeit – das macht das Fernsehen aus jenen, die öfter auf dem Schirm zu sehen sind. Oder anders gesagt: Wer auf dem Bildschirm zu sehen ist, der spürt das Sein so richtig und überwindet das Nichts. Der Philosoph Martin Heidegger, mit seinen erst jetzt veröffentlichten antisemitischen „Schwarzen Heften“ wieder im Fokus der Kritik, aber dennoch einer der einflussreichsten Denker der Philosophie des 20.Jahrhunderts, hat schon definiert, dass Sein und Nichts zusammengehören. Denn beide sind auf den Menschen angewiesen, um sich zu offenbaren. Nur der Mensch weiß, dass Sein ist, und nur der Mensch erfährt das Nichts. Also zwar nicht charmant, aber logisch, dass Heidegger den Menschen auch den „Platzhalter des Nichts“ nennt. Hineingehalten ins Nichts, das seien wir alle, das ist ja Heideggers Grundannahme – und da hilft einem als Bildschirmgesicht wohl das Angesehenwerden, um diesen Zustand irgendwie auszuhalten.

Der Existenzialismus, insbesondere Jean-Paul Sartre, bezieht sich auf Heideggers „Sein und Zeit“, er entwickelt die Überlegungen teilweise weiter und definiert die Erfahrung der eigenen Existenz auch über den Blick. In dieser Denkschule existiert man als selbstbewusstes Wesen nur durch die Augen anderer. Wenn ein Mensch also seinen Blick auf mich richtet, enthüllt er mir quasi mein eigenes Sein, weil ich für den anderen ein Objekt der Beschreibung bin. Sartre sagt es fast poetisch: „Der andre besitzt ein Geheimnis dessen, was ich bin.“ Und je mehr Menschen mich ansehen, da im Fernsehgerät, umso mehr wird mir meine Existenz bewusst.


Rahmen der Wirklichkeit. „Diese Magie der Kamera“, die kennt Michael Karnitschnigg aus der Praxis seiner Arbeit. Seit Ende der Achtzigerjahre trainiert der Dramaturg Menschen aus dem Fernsehgeschäft. Der 55-jährige Kameracoach schaut dich an und hat deine Persönlichkeit schneller erfasst, als dir lieb ist. „Das Fernsehgerät ist quasi der Rahmen, der uns Wirklichkeit schafft. Kommst du drin vor, dann bist du. Kommst du nicht vor, dann bist du nicht“, sagt er. Ein Gefühl, das seiner Erfahrung nach nicht alle beim Fernsehen suchen – aber wohl zwei Drittel. Das fange schon bei Castings an, da fühle sich mancher Mensch, der den Moderationsjob ergattert, „spirituell wie erwählt“.

Und dann der Einfluss des vielen Angesehenwerdens auf das Leben des betrachteten Menschen. „Wenn man lange auf dem Schirm ist, wird das ein Teil der Identität. Und der Kick, die Adrenalinausschüttung im Live-Fernsehen, gehört auch zum eigenen Lebensgefühl“, sagt Karnitschnigg. Sehr eitel veranlagt zu sein könne im Anschaugeschäft seine Vorteile haben. „Ein richtiger Narziss mit einem ordentlichen Klescher springt quasi durch brennende Reifen, das ist manchmal super für das Publikum, aber schlecht für den Mensch selbst.“ In sich gefestigte, authentische Persönlichkeiten könnten längerfristig besser und erfolgreich mit dem Betrachtetwerden leben.

Die Grenzen zwischen den Gesetzmäßigkeiten des visuellen Mediums und allen Schattierungen von Eitelkeit verlaufen in der Praxis dann fließend, je nach Typus. Aber es gibt wohl so etwas wie tradierte Grundregeln für Fernsehleute, man sollte sie nur kapieren. „Jetzt weiß ich endlich, wie du von vorn aussiehst, man sieht dich ja nur von hinten. Du hast das mit dem Fernsehen echt noch nicht verstanden“, sagt ein ehemaliger TV-Journalist nach meiner ersten Zeit beim ORF zu mir. „Du musst dich auch mehr von vorn zeigen, das gehört dazu“, sagen die wohlmeinenden unter den neuen Kollegen. Ich lerne: Mein Hinterkopf, den ich gern bei Interviews zeige, ist auch ein Statement. In meiner Wahrnehmung Understatement und Coolness. Die anderen sehen das aber wohl ein wenig anders.


Leise Verachtung. Also doch auch das Gesicht zeigen, um ordentlich angesehen werden zu können – dann, wenn es für die Erzählung und Struktur einer Geschichte sinnvoll erscheint. Und hin und wieder auch etwas Eitelkeit, natürlich nur die reflektierte Variante, bei der man sich vor Augen hält: Das ist jetzt aber eitel. „Fernsehen ist Showbusiness“, sagen die Kollegenfreunde von den Zeitungen. Und ich, jetzt schon schlagfertiger, man ist ja lernfähig: Aber Showbusiness mit Geist, im Idealfall. Interessant, diese leise Verachtung, weil es ja gerade auch viele Zeitungsmenschen sind, die ganz scharf darauf sind, im Bild aufzutreten und dort auch ihre Analysen, Kommentare verkaufen zu können. Du warst mit der Geschichte im Bild oder sie war gar nicht – diese Wahrnehmung der Wirklichkeit gibt es also auch hier. Verachtung hin, Verachtung her.

Die Macht des Bildes, wohin man blickt. Und diese Macht ist auch ungerecht, natürlich, wie so vieles in der menschlichen Existenz. Sehr gescheite, sensible Charaktere werden manchmal vor der Kamera zu herumstammelnden Menschen, von innerer Unsicherheit vor dem Kameraauge befallen. Sehr mittelmäßige, robuste Leute werden oft zu geschickten Predigern ihrer Botschaften, weil sie über diesen Autoverkäuferschmäh verfügen. Hübsche Leute sehen auf dem Schirm plötzlich farblos aus, weniger attraktive sind auf einmal sehr telegen.


Alles unfair. Auch wenn man tröstend sagen kann: Bildschirmpräsenz ist kein Voodoo-Ding, sondern im Bestfall ein gewisses Grundtalent plus Selbstbewusstsein plus Training. Die Grundregeln sind recht banal: Gute Haltung, offener Blick, pfeif dich nicht um deine Ängste. Und alles immer größer sagen, größer tun als im realen Leben da draußen. Der Schirm verschluckt vieles, minimiert es, aber es gilt, das richtige Maß, den richtigen Ton zu finden.

Das Angesehenwerden ist am Ende ein hartes Geschäft. Eine Art Showbusiness, hinter dem unsere existenziellen Bedürfnisse kaum verborgen lauern.

Zur Person

Julia Ortner
(*1972 in Wien) Publizistik- und Philosophiestudium an der Uni Wien (bis heute leider nicht abgeschlossen)

Sie begann ihre journalistische Laufbahn 1998 bei der „Presse“, wo sie die Lehrredaktion absolvierte. Von 2000 bis 2011 war sie Redakteurin beim „Falter“.

Seit Mai 2011
ist sie Redakteurin bei der „ZiB2“ und Moderatorin der ORF- „Pressestunde“.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2014)