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Salzburg: Kunst aus Wut und Entwurzelung

Sie setzte ihren Körper ein, benutzte Blut, spielte mit Magie: Ana Mendieta, „Body Tracks“, Farbfotografie, 1974.
Sie setzte ihren Körper ein, benutzte Blut, spielte mit Magie: Ana Mendieta, „Body Tracks“, Farbfotografie, 1974.(c) Estate of Ana Mendieta Collection
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Sabine Breitwieser beginnt ihre Amtszeit im Museum der Moderne Salzburg mit der verstörenden mexikanischen Künstlerin Ana Mendieta – und stellt Aktionismus dazu.

Kunst mag zeitlos sein. Unsere Wahrnehmung von Kunst aber ist von der Zeit geprägt. Lange galt die Kubanerin Ana Mendieta zwar als außergewöhnliche Künstlerin, aber ihr Werk wurde als esoterisch abgetan. Solange unsere ästhetischen Vorlieben von Reduktion und Rationalismus geprägt waren und Minimalismus die dominante Formensprache war, blieb eine intensive Beschäftigung mit Mendietas verstörendem Werk aus. Wie auch sollte man eine Künstlerin einordnen, die ihre Körpersilhouette mit schwarzen Voodookerzen nachstellte und abbrennen ließ, die sich in Mexiko in ein offenes Grab legte und ihren Körper mit Blumen bedeckte, als würden die Pflanzen aus ihr herauswachsen? Und die sich vorstellte, „dass die Natur meinen Körper in sich aufnehmen sollte, so wie sie dies auch mit den Symbolen vergangener Kulturen getan hatte“. Nicht nur ihr Werk, auch ihr Tod war problematisch: Am 9. September 1985, kurz nach der Hochzeit mit Carl Andre, dem Meister des Minimalismus, starb sie durch einen Fenstersturz: gefallen, gesprungen, gestoßen – das konnte nie endgültig geklärt werden. Carl Andre wurde freigesprochen.

Obsessiver Körpereinsatz

Mittlerweile sind Markt und Museen offen für Mendieta, so beginnt Sabine Breitwieser ihre Amtszeit als neue Direktorin des MdM Salzburg jetzt mit einer großen Ausstellung dieser magisch-erotischen Werke – und wagt einen heiklen Dialog: Neben 150 Werken Mendietas werden 300 hauseigene Arbeiten des Wiener Aktionismus präsentiert.

Aktionen ohne Publikum, obsessiver Körpereinsatz und Materialien wie Blut und Wasser mögen diesen Dialog nahelegen – aber liegen nicht Welten zwischen beiden Werken? Mendietas Kunst ist stark von ihrer Biografie geprägt: 1948 in Havanna geboren, musste sie mit zwölf Jahren zusammen mit ihrer Schwester ihre Heimat verlassen. Ihr Vater war als Spion verhaftet worden, die Töchter sollten in den USA in Sicherheit leben – was für sie Waisenhäuser und Pflegefamilien bedeutete. „Meine Kunst kommt aus der Wut und der Entwurzelung“, erklärte sie einmal. Den Leuten im Mittleren Westen sei sie als „Mythos der heißen Latina, aggressiv und irgendwie böse“ erschienen, was sie „rebellisch“ werden ließ, erinnerte sie sich. An der Hochschule in Iowa lernte sie Arbeiten von Vito Acconci, Allan Kaprow und Bruce Nauman kennen. Aber „die Männer standen alle auf Konzeptkunst und machten Sachen, die sehr clean waren“. Sie dagegen setzte ihren nackten Körper ein, benutzte Blut, beschäftigte sich mit indigenen Kulturen und spirituellen Traditionen, spielte mit Magie, „Eros, Vergnügen, Leben und Todessehnsucht“. Meist sind es flüchtige Werke, in nassen Sand gezeichnete Abdrücke ihres Körpers, in weichen Kalkstein geritzte oder mit Feuer gebrannte schematische Formen, die an archaische Götterstatuen erinnern. Von Anfang an dokumentierte sie jede ihrer faszinierenden „Tableaus“ oder „body sculptures“, schoss eine ganze Filmrolle und wählte dann präzise eine Fotografie für die Ausstellungen aus.

Lässt sich diese magisch-poetische Selbstsuche, die Sehnsucht nach einer Unmittelbarkeit des Lebens bruchlos mit den Inszenierungen der chauvinistischen, männlichkeitsverliebten Wiener Aktionisten vergleichen? Wie problematisch die Nähe ist, war Breitwieser wohl bewusst, weswegen sie eine Pufferzone einfügt. Werke von Friederike Pezold, Valie Export, Renate Bertlmann mildern das Aufeinanderprallen und versuchen, die Gemeinsamkeit auf den Aspekt der körperbezogenen Kunst herunterzubrechen und „ein neues Frauenbild“ dazwischenzustellen. Aber darum ging es Mendieta nicht, was Breitwieser sehr wohl weiß, zeigte sie die Künstlerin doch bereits im Jahr 2000 in einer Gruppenausstellung in der Wiener Generali Foundation. Nicht Lust und Schmerz wie bei den Aktionisten, nicht feministische Befreiungsversuche wie in der Pufferzone sind Mendietas Themen, sondern Bilder, „die Kraft ausstrahlen“ und „magisch“ sein sollten, Bilder voller Leidenschaft, Unmittelbarkeit, Todessehnsucht – Themen, die übrigens im Prozess gegen Carl Andre zu seinem Freispruch führten.

Museum der Moderne Salzburg: „Ana Mendieta. Traces“, „Im Dialog: Wiener Aktionismus“, beides bis 6.  7.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2014)