Die älteste Hochkultur Südamerikas gibt neue Funde preis, wird aber auch immer rätselhafter.
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or 5000 Jahren, als in Ägypten die ersten Pyramiden aus dem Boden wuchsen, wurden auch am anderen Ende der Erde Steine aufgetürmt, in Norte Chico, einer unwirtlichen Halbwüste im heutigen Peru, 200 Kilometer nördlich von Lima, 20 Kilometer von der Küste entfernt, enge Flusstäler mit hartem Klima und sandigen Böden. Dort entstand die erste der amerikanischen Hochkulturen und die seltsamste aller Hochkulturen der Erde, sie hatte hohe Kenntnisse von Architektur und Ackerbau, vor allem Bewässerung, aber Töpferei und Schmuck hatte sie nicht, auch kein Metall, nur primitives Steinwerkzeug.
Das hinterließen die Menschen, als sie 1800 Jahre v. Chr. aus den Siedlungen verschwanden, dann verschwanden die auch, unter Flugsand. "Jeder, der die Täler hinauffährt, sieht die Pyramiden, aber es ist schwer, sie als archäologische Stätten zu erkennen", berichtet Jonathan Haas (Field Museum, Chicago): "Sogar die Einheimischen halten sie für Hügel." So blieben sie lange unauffällig. Und als vor hundert Jahren doch der erste Spaten in die Erde fuhr - in die alte Siedlung Caral -, blieben die Ausgräber nicht lange, eben weil keine wertvollen Gegenstände zu finden waren, das hielt auch Raubgräber von den Stätten fern. Und die Archäologen suchten ohnehin lieber direkt an der Küste. Die Gewässer sind fischreich, das führt zur Vermutung, die gesamte Anden-Kultur habe ihre Ursprünge am Meer. Aber die Küste wird oft vom Klimaphänomen El Niño heimgesucht, mit Überschwemmungen. Deshalb vermutet eine zweite Hypothese, dass in Südamerika alles im Binnenland begann.
In den 90er-Jahren fand sich der Kompromiss. Eine neue Archäologen-Generation hatte sich der alten Grabungsstätte erinnert und Caral freigelegt. Die Siedlung ist groß, 60 Hektar werden von sechs pyramidenförmigen Erhebungen eingegrenzt, die größte ist 180 Meter lang, 150 Meter breit und 18 Meter hoch. 3000 Menschen hatten Platz in Caral. Und Caral war nicht allein, Haas hat mit seinem Doktoranden Alvaro Ruiz und der Anthropologin Winifred Creamer (Northern Illinois University) 13 weitere große Siedlungen gleichen Alters in unmittelbarer Nachbarschaft freigelegt, viele Menschen hatten sich in der Einöde gedrängt: Sie hatten die Kunst der Bewässerung erfunden und - noch eine Eigenart dieser Kultur - eine spezialisierte Intensiv-Landwirtschaft betrieben. Getreide haben sie nicht angepflanzt, aber Gemüse, Gurken, Bohnen. Und Baumwolle, ausgerechnet durstige Baumwolle.
Die ging in regem Tauschhandel an Küstenbewohner, die Netze daraus flochten und mit Meeresgetier bezahlten, in Norte Chico finden sich viele Reste von Muscheln, Krabben und Sardinen. Gräten von größeren Fischen - Thunfischen etwa - finden sich nicht, obwohl auch sie in den Gewässern gut gedeihen. Aber für ihren Fang braucht man Angelleinen, dafür war die Baumwolle ungeeignet. Auch zum Steineschleppen war die Faser zu schwach, die Bewohner von Norte Chico nahmen Netze aus Schilf. Die wurden in die Pyramiden eingebaut, sie helfen heute beim Datieren. Aber sie deuten auf noch ein Rätsel: Die Pyramiden sind groß, sie brauchten viel Material und machten Arbeit ohne Ende, wurden oft umgebaut: "Die Bewohner von El Chico haben ihre ganze Energie in die Konstruktion dieser massiven Strukturen gesteckt", vermutet Creamer (Nature, 432, S. 1020).
Und dazu braucht es - wie in Ägypten - nach herkömmlichem Verständnis hierarchisch gegliederte Gesellschaften, Sklaven inklusive. Auch das scheint es in El Chico nicht gegeben zu haben, und noch eines fehlt: Kriege. Es gibt keine Befestigungsanlagen und keine Schlachtfelder. Das hat sich geändert, als die Bewohner von El Chico ihre Siedlungen verließen, in fruchtbarere Regionen wanderten und dort die bekannteren Hochkulturen errichteten.