Der größte Chemie-Unfall der Geschichte ist auch zwei Jahrzehnte später immer noch ungeklärt.
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ir haben uns entschlossen, Uni on Carbide zu liquidieren, die sen Alptraum für die Welt und diesen Kopfschmerz für unsere Firma", erklärte am Freitag Jude Finisterra, Sprecher der Dow Chemical: "Und wir werden die dadurch frei werdenden zwölf Milliarden Dollar dazu nutzen, die Anlage zu sanieren und die 150.000 Opfer zu unterstützen, die ihr Leben lang medizinisch versorgt werden müssen."
Das ist die gute Nachricht zum 20. Jahrestag des größten Chemieunfalls der Geschichte, der zunächst als Lappalie missdeutet wurde. Insektenspray vermuteten die Arbeiter in der Pestizidfabrik, die den Geruch in der Nacht zum 3. Dezember 1984 als Erste wahrnahmen. Am nächsten Morgen lagen 3000 bis 4000 Tote auf den Straßen der indischen Stadt Bhopal, die Giftgaswolke hatte ihre Lungen zerfressen, auch die Augen wurden angegriffen, Überlebende berichteten, es habe gebrannt wie Chili. 15.000 bis 33.000 weitere folgten den ersten Opfern im Lauf der Jahre, die Schätzungen schwanken. Auch sonst ist bis heute kaum etwas geklärt, man weiß nicht einmal, welche Gifte damals in der Luft waren und heute noch im Boden und Grundwasser sind.
Fest steht nur, dass in einen Tank mit Methyl-Isocyanid Wasser geraten war und irgendeine chemische Reaktion in Gang gesetzt hatte. Was an deren Ende stand, wurde nie geklärt, zumindest nicht öffentlich. Darin trafen sich die Interessen der Firma Union Carbide - gegen sie wurden bald schwere Vorwürfe erhoben, sie habe die Fabrik technisch verkommen lassen - und die des Staats Indien. Der zog zwar 1985 in den USA gegen Union Carbide vor Gericht, verhängte aber gleichzeitig im eigenen Land eine Informationssperre. Manche Daten seien zu sensibel, hieß die offizielle Begründung, Kritiker mutmaßten, das Land wolle keine westlichen Investoren abschrecken. So wurde anno 1994 auch das Monitoring der Spätfolgen eingestellt, das bis dahin 80.000 Opfer erfasst hatte.
Nun ist die erste dieser Studien von 1994 publiziert worden, sie spricht so breit wie allgemein von erhöhten Todesraten und Fehlgeburten, für Letztere gibt wenigstens eine frühere kleine Studie Auskunft: Von 865 Schwangeren erlitten 44 Prozent Fehlgeburten. Und von den Kindern, die heute zur Welt kommen, haben manche Syndaktylie, zusammengewachsene Finger oder Zehen. "Nach zwanzig Jahren hätten sie schon mit wenigstens einigen vollständigen Daten herauskommen können", kritisiert Shyam Agrawal, ein Onkologe, der die Giftgas-Opfer berät (Science, 306, S. 1670).
Ein Onkologe? Die Giftwolke steht auch unter Verdacht, Tumore verursacht zu haben. Vielleicht hätten sie sich verhindern lassen, vielleicht wird auch deshalb so wenig publik: Bei den ersten Opfern war den Ärzten eine "kirschrote" Lunge aufgefallen, sie führten das auf Wasserstoff-Cyanid (Blausäure) zurück, das an Hämoglobin bindet und es daran hindert, Sauerstoff zu transportieren. Zum Entgiften gibt es ein Mittel, Natriumthiosulfat, es wurde auch bei einigen Patienten eingesetzt, aber nicht bei vielen, man wusste ja nicht, was in der Wolke war. Deshalb will Ramana Dhara, eine indische Umwelttoxikologin in den USA, den Unfall in kleinem Maßstab nachspielen, auf einem Testgelände des US-Energie-Ministeriums für gefährliche Materialien in Nevada. Dazu braucht es nur noch Geld, aber die Aussichten stehen nicht schlecht: Zwanzig Jahre nach Bhopal hat die Welt andere Sorgen, die vor Terrorattacken, die auch gegen Chemiefabriken gerichtet sein könnten. Und Bhopal? Dort rottet die verwaiste Fabrik immer noch vor sich hin, Augenzeugen berichten von größeren Mengen frei herumliegender Chemikalien.