Journale und Gesundheitsbehörden fordern Transparenz der medizinischen Forschung.
"Altruismus und Vertrauen sind das Herz der Forschung an Menschen." Das ist kein Auszug aus einer Sonntagspredigt, sondern die gemeinsame Reaktion der wichtigsten Medizin-Journale auf den in den USA erhobenen Vorwurf an Pharmafirmen, sie hätten missliebige Ergebnisse klinischer Tests nicht publiziert und damit zum Tod von Patienten beigetragen. Auslöser ist der Verdacht, Kinder hätten während Therapien mit Antidepressiva Selbstmord begangen - und Pharmafirmen hätten um die Gefahr gewusst, die Information aber zurückgehalten. Dieser Skandal war nun Gegenstand eines Hearings im US-Kongress, im Vorfeld haben die Medizin-Journale reagiert.
Mit "Altruismus und Vertrauen" meinen sie den und das von Patienten, die an klinischen Tests teilnehmen. Beide werden oft schlecht belohnt, die Antidepressiva sind nur der Anlass, das Problem ist ein generelles: Die Pharmaindustrie publiziert bevorzugt für sie angenehme Ergebnisse, die anderen bleiben oft in der Schublade, niemand erfährt, dass es den Test überhaupt gegeben hat. Studie um Studie zeigt diesen "bias" ("Verzerrung"), die Journale schlagen sich seit Jahren damit herum. Nun bestehen sie auf der Radikalkur: Jeder klinische Test, der irgendwo beginnt, soll einer öffentlichen Datenbank gemeldet werden müssen: "Das Wissen, das durch den kollektiven Altruismus der Test-Teilnehmer gewonnen wird, muss jedermann zugänglich sein" (Lancet, 11. 9.).
Aber zu welchem Preis? Das ist das zweite Problem beim wissenschaftlichen Publizieren, die Journale selbst gibt es nicht um Gottes Lohn, Jahresabonnements - nicht nur der medizinischen, sondern aller Fachzeitschriften - gehen leicht in Zehntausende Dollar, selbst Universitäten in reichen Ländern wie Österreich können sie sich oft nicht mehr leisten. Deshalb haben die US-Gesundheitsbehörden (National Institutes of Health, NIH) vorgeschlagen, dass alle Arbeiten, in denen NIH-Geld steckt - also Steuergeld -, zeitgleich mit ihrer Publikation in einem Journal in ein öffentliches Archiv eingespeist werden und nach sechs Monaten gratis zugänglich werden.
Seitdem summt das Wespennest, aber die Herausgeber der großen Journale sind gespalten, jener von Science hält die Sechs-Monatsfrist für einen "vernünftigen Kompromiss" (Science, 305, S. 1548), jener von Nature beschwört alle erdenklichen "Risiken", vom bürokratischen Aufwand eines "Parallel-Universums" bis hin zu den Totenglocken für viele wissenschaftliche Gesellschaften, die sich über ihre Journale finanzieren (Nature, 431, S. 111). Viele Forscher setzen auf gratis zugängliche Journale wie die "Public Library of Science" (Plos), bei der nicht der Leser, sondern der Autor etwas bezahlt, bei Plos 1500 Dollar pro Artikel. 25 US-Nobelpreisträger haben sich laut Washington Post in diesem Sinn in die Debatte eingeschaltet.