Medizin: Eigene Kinder für schwule Paare?

Die technische Reproduzierbarkeit des Menschen steht vor dem nächsten Schritt, die Debatte ist eröffnet.

Als vor etwas über 26 Jahren Louise Brown geboren wurde, das erste Retortenkind der Geschichte, wurde sie auch mit der bangen Frage begrüßt, ob ein derartiges Geschöpf - zusammengemischt aus Eizelle und Sperma in vitro: außerhalb des Körpers - wohl eine Seele habe. Inzwischen haben sich die theologischen Zweifel beruhigt, es gibt über eine Million Kinder der "in vitro fertilisation" (IVF), dafür sind wissenschaftliche Zweifel aufgetaucht, ob das Großexperiment nicht allzu blauäugig unternommen worden war.

Die Reproduktionsmedizin hat sich nicht aufhalten lassen und kann schon Greisinnen und Männern ohne reifes Sperma zu Kindern verhelfen, aber eine Grenze hielt die Natur: Zwei Geschlechter braucht es zum Kindermachen - auch im Reagenzglas - schon. Wie lange noch?

Das Wissenschaftsjournal Science zumindest hält es für höchste Zeit, die Debatte zu eröffnen: "Es gibt a priori keinen Grund, die natürliche Reproduktion zu bevorzugen", formulieren die Bioethiker Guiseppe Testa (Dresden) und John Harris (Manchester): "Die natürliche Reproduktion per se ist moralisch neutral. Die ganze Medizin ist ein unablässiger Versuch, den Lauf der Natur zu frustrieren" (Science, 305, S. 1719).

Es ist also eine technische Frage, und die Technik ist - bei Mäusen - weit, sie läuft über embryonale Stammzellen (ES). Aus ihnen kann man theoretisch alle Zelltypen ziehen, im Mai 2003 gelang das mit Eizellen (Science, 300, S. 721), kurz darauf folgte Sperma, es wird viel mit beiden Keimzellen ("Gameten") experimentiert, eine Maus ist aber noch nicht geboren. Theoretisch ginge das so: Einem Menschen mit funktionsunfähigen Gameten wird eine Körperzelle entnommen - etwa eine der Haut -, ihr Kern kommt in eine entkernte Eizelle, es ist ein therapeutisches Klonen. Dem reifenden Embryo werden ES entnommen - er wird dabei zerstört -, aus ihnen sollen, je nach Bedarf, weibliche oder männliche Gameten werden. Das soll zunächst Paaren helfen, in denen ein Partner zeugungsunfähig ist: Ist es der Mann, würde aus seiner Hautzelle Sperma, ist es die Frau, würde aus ihrer eine Eizelle, der Rest wäre Routine-IVF.

Aber die Perspektiven gehen weiter, man kann - bei Mäusen - aus männlichen Hautzellen nicht nur Sperma, sondern auch Eizellen ziehen, aus weiblichen auch: Gleichgeschlechtliche Paare könnten miteinander Kinder zeugen, ein Partner würde aus seiner Haut - via Klon und ES - die Eizelle beisteuern, der andere das Sperma. Männer könnten so Kinder beider Geschlechter bekommen, Frauen nur Mädchen, ein Y-Chromosom bringt der Jungbrunnen der ES nicht.

Und wie jung er wirklich macht, ist eines der technischen Probleme, die Körperzellen müssen genetisch völlig reprogrammiert werden, sonst gibt es Entwicklungsstörungen. Das zweite Problem liegt darin, dass es ES im strengen Sinn nur bei Mäusen gibt, sonst bei keinem Säugetier, auch nicht bei Menschen: Niemand weiß, wie weit ein Embryo von zwei Vätern oder zwei Müttern käme. Aber wenn es sicher ginge, schließen die Autoren, "könnte das die menschliche Reproduktion weiter demokratisieren."

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