Verstörender Vorstoß in Fragen der Gen-Diagnostik: Gehörlose Paare wollen gehörlose Kinder.
Im April 2002 berichtete die Washington Post über ein lesbisches Paar, dessen eine Partnerin mit Spender-Sperma eines gemeinsamen Freundes ein Kind bekommen hatte. Das wäre nichts Besonderes, aber beide Frauen sind gehörlos, und ihr Freund ist es auch - sie wollten mit seiner Wahl sicherstellen, dass auch das Kind gehörlos zur Welt kommt. Die Post berichtete wohlwollend, aber die Reaktion der Leser und anderer Medien war schroff: "Gefangen von Geburt", titelte eine Web-Seite: "Das Planen von Defekten in wehrlosen Kindern überschreitet eine Grenze."
An dieser Reaktion mag es liegen, dass vor der nächsten Grenze nur unter Pseudonym gesprochen wird: Es gibt gehörlose Paare, die sehr ernst darüber nachdenken, Embryonen auf ihre Gene analysieren - und abtreiben oder, bei Retortenbabys, nicht austragen zu lassen, wenn sich kein defektes Gen zeigt: Die Kinder sollen taub sein. Das steht nicht in irgendeinem Revolverblatt, sondern im Wissenschaftsjournal Nature (431, S. 894). Und es gibt der Debatte um Gen-Tests und Designer-Babys eine völlig neue Wende. Bisher werden Embryonen in manchen Regionen auf ihr Geschlecht gescreent und bei Missfallen entsorgt: In Agrargebieten Indiens sind mobile Gentest-Labors mit angeschlossener Abtreibungs-Klinik unterwegs, um Frauen von ungeliebtem Nachwuchs zu befreien: Mädchen. Es ist offiziell verboten, wird aber praktiziert. In Europa laufen unterdessen die großen Debatten um Prä-Implantations-Diagnostik: Man will Retortenbabys vor ihrer Implantation auf Gendefekte prüfen und bei Defekt auf sie verzichten. Und in Großbritannien wurde schon ein Designer-Baby erzeugt: Die Eltern hatten ein krankes Kind, das nur mit einer besonderen Knochenmarkspende geheilt werden konnte, sie ließen deshalb mit Genehmigung der Behörden mehrere ihrer Embryos genetisch screenen, die Frau trug den Passenden aus.
Das alles weckt Alpträume - von Kindern nach Maß, blond, blauäugig, IQ 140 -, die mental leicht abzuwehren sind. Umso verstörender der neue Vorstoß von manchen Vertretern einer Gruppe, die für Menschen mit Gehör eine Behinderung tragen, diese aber zur Stärke und Eigenständigkeit umwandeln wollen: Die Gebärdensprache ist so gut Sprache wie die gesprochene, und manche ihrer Sprecher halten sie für eine ganz eigene Kultur, in die - und nur in die - sie ihre Kinder einführen wollen. Sollen sie das Recht haben, über das Gehör ihrer Kinder zu entscheiden - so wie sie heute über Schule und Religion entscheiden?
Viele Kinder haben Eltern-Entscheidungen über ihre Köpfe revidiert, die über die Ohren könnte nicht rückgängig gemacht werden. Technisch wäre das Design möglich: Jedes tausendste Kind wird taub geboren, die Hälfte hat Defekte an bekannten Genen, Connexin 26 und 30. Um sicher zu gehen, dass ein Kind taub wird, müsste man nur analysieren, ob es die Mutation auf beiden Gen-Sätzen hat, von der Mutter und vom Vater. Ob es irgendwo schon in die Tat umgesetzt wurde, ist unbekannt.