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Evolution: Die Gen-Stotterer

Das Geheimnis der vielen Hunderassen könnte in "junk-DNA" stecken, in scheinbar funktionslosen Genen.

Kommt die Vielfalt der Hunde von Gen-Underdogs?

Zwergenhafte Chihuahuas und Bern hardiner-Hünen sind von derselben Art, auch wenn man es kaum glau ben möchte, bei keinem anderen Tier sind derartige Größenunterschiede zu bestaunen. Und sie sind in kurzer Zeit gekommen. Zwar wurde der Wolf vor 15.000 Jahren schon vom Menschen domestiziert - in China - und erwanderte mit ihm die halbe Erde. Und bald wurden auch einzelne Rassen gezüchtet, Spezialisten für die Jagd oder das Hüten, aber die meisten der heutigen Rassen sind kaum 150 Jahre alt, viele von ihnen sind Neuzüchtungen von Ahnen, die jahrhundertelang verschwunden waren, der ägyptische Pharaonenhund etwa.

Mit dieser Vielfalt tun sich Evolutionstheoretiker schwer, Darwin etwa hatte angesichts der ihm bekannten Fossilien vermutet, dass die Evolution manchmal ganz langsam und dann wieder in großen Sprüngen arbeitet. Aber die heutige Genetik hat nichts zu bieten, womit sich Sprünge erklären ließen. Ihr zufolge kommt jede Veränderung etwa der Körperform von Punkt-Mutationen einzelner Gene, deren Wirkung eine größere Fitness bewirkt - für Darwinisten ist Fitness die Chance, die eigenen Gene an die nächste Generation weiterzureichen - und deshalb in der Selektion bevorzugt wird. Aber auf Punkt-Mutationen konnten die Hunde nicht warten, es muss (zusätzlich) einen rascheren Mechanismus geben.

"Wir bieten eine Alternative zum alten Dogma an", erklären Harold Garner und John Fondon (University of Texas Southwestern, Dallas) und deuten auf die Underdogs der Gene, jene Bestandteile der Genome, deren Funktion man nicht kennt. Die machen bei vielen Wirbeltieren 95 Prozent des Ganzen aus und heißen trotzdem - weil sie scheinbar nichts tun - "junk-DNA", Müll. Dazu gehört das "Gen-Stottern", vornehmer: "tandem repeat", bei dem kleine DNA-Sequenzen häufig wiederholt werden. "Tandem repeats" sind bis zu 100.000 Mal so häufig wie Punkt-Mutationen, sie finden sich vor allem in Genomregionen, deren Gene die Embryonalentwicklung steuern. Das ist den Forschern am Menschen-Genom aufgefallen, dann sind sie in den nächstgelegenen Park ausgeschwärmt und haben Hundebesitzer um Blut ihrer Schützlinge gebeten, 42 Rassen kamen zusammen.

"Ihre Genome sind arm an Punktmutationen, aber reich an ,tandem repeats'", heißt der Befund (Pnas, 20. 12.). Dieses Gestotter rund um eines seiner Gene, Alx-4, hat offenbar dem Großen Pyrenäenhund etwas ganz Besonderes beschert, sechs Zehen an den Hinterfüßen, andere Hunde haben fünf. Auch manche Pyrenäenhunde haben fünf, einer war unter den Funden im Park, er hat das Gestotter nicht. Oder Runx-2, ein Gen, das auch bei uns Menschen das Gesicht mit formt. Davon, wie oft sich dort "junk"-Sequenzen wiederholen, hängt die Form der Hundeschnauze ab, man kann es zwischen den Rassen zeigen, aber auch innerhalb einer: Die Forscher sind auch in Museen geeilt und haben etwa im Naturhistorischen in Bern Bullterriers-Skelette von 1931, 1950 und 1976 mit analysefähiger DNA gefunden. Ihre Schädelform hat sich in nur 45 Jahren stark verändert - die Schnauze hat sich tief gesenkt -, ihr Gestotter auch.

Bleibt nur die Frage, warum nur und ausgerechnet die Hunde diesen Sonderweg zur Vielfalt so ausgiebig betreten haben.