Die Sorgen mit den Wunderzellen häufen sich: Auch Magenkrebs kommt von Stammzellen.
Im Jahr 1983 kam das bis dahin nur einer Hand voll Spezialisten bekannte Bakterium Helicobacter pylori erstmals in die Schlagzeilen: Der australische Pathologe Barry Marshall wollte vor aller Augen beweisen, dass das Bakterium Magengeschwüre verursacht - und er bewies es, er schluckte H. pylori, die er dem Magen eines Kranken entnommen und kultiviert hatte. Acht Tage später krümmte er sich unter den Schmerzen einer Magenschleimhaut-Entzündung, Antibiotika halfen. Bald darauf geriet das Bakterium unter schwereren Verdacht: Magenkrebs, 600.000 Menschen sterben im Jahr daran, vor allem in Entwicklungsländern. Nun nimmt die Geschichte noch eine Wendung: Der Tumor wird vermutlich nicht von dem Aggressor ausgelöst, sondern von Hilfstruppen des Körpers, die die von H. pylori verursachten Schäden der Schleimhaut reparieren wollen: Stammzellen aus dem Knochenmark.
Darauf deutet zumindest ein Versuch von Forschern der University of Massachusetts, die bei Mäusen zunächst das Knochenmark durch Bestrahlen zerstört haben. Dann injizierten sie neues - markiertes - und gaben den Mäusen H. felis zu fressen, einen Verwandten von H. pyloris, der in Mäusen so wirkt wie H. pyloris in Menschen. Nach 20 Wochen tauchten die ersten Stammzellen aus dem Knochenmark in der lädierten Magenschleimhaut auf, sie integrierten sich in den Zellverband. Aber sie wurden nicht schlichte Schleimhautzellen, sie entwickelten Charakteristika von Tumorzellen (Science, 306, S. 1568). Offenbar gerieten sie durch die Entzündung außer Kontrolle. Das stärkt den wachsenden Verdacht, dass Entzündungen zur Tumorgenese beitragen.
Das bringt aber auch die Stammzellen-Hoffnungen in Bedrängnis, und zwar gleich doppelt. Das Experiment hat eine Schwachstelle, es konnte nicht zweifelsfrei zeigen, ob die Stammzellen wirklich Schleimhautzellen werden - oder ob sie sich nur mit vorhandenen Zellen zusammentun, fusionieren. Mit diesem Problem sieht sich die Stammzell-Forschung seit längerem konfrontiert: Falls die Zellen nur fusionieren, hätten sie keinerlei therapeutischen Wert für all die Zwecke, für die sie eingesetzt werden sollen, von den Alterskrankheiten des Gehirns bis zur Reparatur geschädigter Herzen. Aber der mögliche Krebs-Schaden bliebe, und zwar nicht nur beim Magenkrebs.
Sondern bei vielen Tumoren. Am einfachsten für die Forschung zugänglich sind die des Bluts, dort hat man auch zuerst bemerkt, dass nur ein winziger Teil aller Krebszellen - eine von einer Million - aggressiv ist, Tumore wachsen lässt und auch überträgt, wenn man die Zellen verpflanzt, von einem Versuchstier auf das andere. Inzwischen hat man die extrem aggressiven Zellen auch in anderen Tumoren identifiziert, in dem der Brust, in denen des Gehirns (Nature, 432, S. 396). Diese Zellen ähneln ganz normalen und lebenswichtigen Stammzellen so frappant, dass man sie "Krebs-Stammzellen" genannt hat (Science, 301, S. 1308). Die Ähnlichkeit liegt vor allem darin, dass die Zellen sich selbst erneuern können - wenn sie sich teilen, wird eine der Töchter eine spezialisierte Zelle, etwa eine der Magenschleimhaut, die andere wird wieder eine Stammzelle.
Deshalb haben sie ein langes Leben und viel Zeit, all die genetischen Schäden zu akkumulieren, die eine Zelle zur Tumorzelle werden lassen. Aber, das macht das Problem noch vertrackter, Stammzellen teilen sich nicht oft, sie "schlafen" lange. Deshalb entgehen ausgerechnet sie den herkömmlichen Tumortherapien, die Zellen angreifen, wenn sie sich teilen. Und der Grat zwischen lebenswichtigen und Krebs-Stammzellen ist enorm schmal. Dieselben Gene, die sie zur Erneuerung brauchen - Bmi-1 und Wnt -, führen zu Tumoren, wenn sie mutiert sind.
Die Stammzell-Forscher bleiben trotzdem zuversichtlich: "Wir sind vorgewarnt und rüsten uns", erklärt einer: "Eine gute Vorbereitung ist der halbe Sieg."