Eine Präzisionskamera kartografiert den Nachbarn. Forscher der TU Wien helfen bei der Bildauswertung.
Nix Olympica", "Schnee des Olymp" nannte der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli, was er am 10. November 1879 auf dem Mars sah, einen weißen Fleck. Heute heißt er Olympus Mons und ist der größte bekannte Berg unseres Sonnensystems, 27,3 Kilometer ragt er aus der Ebene, 550 Kilometer Durchmesser hat er unten, 60 oben am Krater, er ist ein erloschener Vulkan. Und Schnee trägt er natürlich nicht, der Mars hat an der Oberfläche kein flüssiges Wasser und auch fast keine Atmosphäre, Wasser würde sofort ins All entweichen. Aber etwas anderes hat er: "Die Morphologie ist eindeutig", erklärt Planetologe Gerhard Neukum (Freie Universität Berlin): "Da sind Gletscher."
Gletscher auf einem Vulkan auf dem Mars? Neukum kann sie vorzeigen, er hat eine Kamera konstruiert, die an Bord der europäischen Marssonde um den Nachbarn kreist und seine Oberfläche in höchster Präzision zeigt, in Farbe und dreidimensional. "Sie hat eine Auflösung von zehn Metern, damit könnte man auf der Erde zwar noch kein Auto sehen, aber schon einen Zebrastreifen ahnen, und jedes Gebäude größer als zehn Meter wär klar erkennbar", berichtet Peter Dorninger vom Institut für Fotogrammetrie der TU Wien, das als Vermittler an dem internationalen Projekt beteiligt ist, über seine Forscher fließen die Daten, sie errechnen daraus die Gelände-Morphologie: "15 Prozent der Oberfläche sind bisher erhoben." Und dort zeigt sich nicht nur der Schneeberg, es gibt viele andere Vulkane. "Manche könnten heute noch aktiv sein", berichtet Neukum, der "selbst kein Anhänger der Hypothese vom ,jungen Mars'" war, derzufolge die Vulkane nur in der Jugend des Planeten aktiv waren und seit Jahrmilliarden erloschen sind. "Aber die Datierung ist sicher" (Nature, 432, S. 971).
Die Datierung? Wie will man von der Erde aus sehen, wie alt etwas auf dem Mars ist? Die Narben sollen es zeigen, die Einschlagskrater von Meteoriten. Man kann sie auszählen und mit denen auf dem Mond vergleichen, von dort hat man Gestein, dessen Alter bestimmt worden ist. Diese Uhr zeigt in manchen Marsregionen Vulkane, die zumindest vor zwei Millionen Jahren noch aktiv waren - für Astronomen ist das nichts - oder es vielleicht heute noch sind. Und an ihren Rändern und Flanken sieht man, dass dort einmal nicht nur Lava geflossen ist.
Sondern auch Wasser und Eis: Das Wasser hat oben an den Rändern Flussläufe eingeschnitten und weiter unten - zu Eis geworden - Moränen vor sich hergeschoben, irgendwann ist es unter dem dabei abgeriebenen Staub verschwunden. Der hat die Gletscher erhalten, sie vom Sonnenlicht und der Atmosphäre abgeschirmt. Aber wo ist dieses Wasser her gekommen? "Nicht wie auf der Erde durch Niederschlag, sondern aus dem Boden, hydrothermal, durch die Hitze der Vulkane", erklärt Neukum: "Man muss sich die Höhendifferenz etwa bei Olympus vorstellen, das muss mit hohem Druck herausgeschossen sein."
Und war es wirklich Wasser? Der Dauerstreit ist prolongiert, manche Forscher lesen der Mars-Morphologie nicht flüssiges Wasser ab, sondern Kohlendioxid. Neukum hält das für ausgeschlossen, muss den Beweis aber vertagen: Dass an den Hängen Gletscher ruhen, wird bisher nur aus der Oberflächenform abgeleitet, chemische Analysen gibt es nicht. Aber die Sonde hat Analysegeräte an Bord, die nur noch nicht aktiv sind.