Meeresbiologie: Wenn Pflüge durch die Tiefsee rasseln

Das Fischen mit Treibnetzen bringt wenig Ertrag, gefährdet aber ein ganzes Ökosystem.

Der größte bekannte Tiefsee-Korallengarten zieht sich über ein hundert Quadratkilometer großes Gebirge am Boden des Nordatlantik vor Kanada. Korallen im lichtlosen, eisigen Wasser, Gebirge am Meeresgrund? Erst in den 80er-Jahren kamen Forscher auf die Idee, in der prima vista lebensfeindlichen Umwelt nachzusehen: Das erste größere Korallenriff, 14 Kilometer lang, fand sich hundert Kilometer vor Norwegen in 250 Meter Tiefe, bald wurde man auch anderswo fündig, überall sitzen die Korallen auf Tiefseebergen. Man schätzt, dass es 30.000 davon gibt - als Berg gilt, was höher ist als 1000 Meter -, sie alle bieten nicht nur Korallen Heimat, sondern auch Fischen, Krebsen und Muscheln.

Das weckt Begehrlichkeiten, den Meeresbiologen bot sich bei späteren Besuchen oft ein anderes Bild: Die Korallengärten waren zu Mondlandschaften eingeebnet und zerfurcht. "Da werden 200 Meter breite Schleppnetze vier Kilometer weit auf Rollen über den Boden gezogen und mit tonnenschweren Scherbrettern offen gehalten, es sieht aus wie auf einem Acker", berichtet Antje Helms (Greenpeace): "Es ist die zerstörerischste Fischerei, die es derzeit gibt." Und der Schaden steht in keinem Verhältnis zum Ertrag: Mit dieser Methode wird ein Prozent aller Fänge aus dem Meer geholt, vor allem von Fischern der EU, die Technik ist aufwendig, nichts für Arme.

Was da in die Netze geht, zeigt das Problem, Granatbarsche etwa: Die leben in 1000 Meter Tiefe bei fünf Grad Celsius und entwickeln sich entsprechend langsam, sie werden über 100 Jahre alt und erst mit 25 Jahren geschlechtsreif. Und sie versammeln sich zu ihrem Unglück zum Reproduzieren in riesigen Schwärmen an Tiefseebergen. Kommt das Netz, werden 90 Prozent der Fische abgeräumt, der Rest wird Jahrhunderte brauchen, bis eine neue Population aufgebaut ist. Aber nicht nur die Fische sind weg - und reichlich Beifang, den man gar nicht will und gleich wieder ins Meer wirft -, in der gepflügten Spur bleibt nichts als das nackte Gestein, zuvor war es zu 90 Prozent von Leben und Sediment bedeckt (Science, 301, S. 1034).

Justament damit hat die einschlägige Fischerei lange argumentiert: Wenn man die großen und sich langsam mehrenden Fische heraushole, gäbe es Raum für kleinere, rascher reifende Lebensformen. Und das Pflügen des Meeresbodens könne man durchaus mit dem eines Ackers vergleichen, auf dem hinterher ja mehr gedeihe (Science, 298, S. 2123).

Die Meeresbiologen haben das falsifiziert, aber sie kommen den Fisch-Trawlern kaum nach, vermutlich verschwinden viele Arten, bevor die Forschung sie zu Gesicht bekommt. Das gilt auch für die Korallen, die äußerlich ihren Verwandten in warmen Gewässern ähneln, von denen man aber noch nicht einmal exakt weiß, wie sie sich ernähren. Die im warmen Wasser sind mit Algen vergesellschaftet, die für sie Energie aus dem Sonnenlicht holen. Aber die im kalten Wasser leben noch in 2000 Meter Tiefe in völliger Dunkelheit, vermutlich kommt ab und zu Futter, wenn totes Plankton in großen Mengen ("Schnee") herabsinkt. Aber wie die Korallen entstanden sind, wie sie sich reproduzieren, wie sie mit dem anderen Leben zusammenspielen, ist kaum erforscht.

Um dem Tiefseegebirgs-Leben - und den Forschern - Luft zu verschaffen, hat ein breites Bündnis von Nationen, Biologen und Umweltorganisationen bei der UNO ein Schleppnetz-Moratorium beantragt. Am 16. November wird entschieden - zehn Jahre nachdem die UNO ein Seerecht eingeführt und in seinem Rahmen andere Raubzüge verboten hat, die mit Treibnetzen.

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