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Warum die Sammlung Essl gekauft werden sollte

Eigenartig, wie die Kunstszene gegen den Ankauf von Kunst agitiert.

Dass ein kunstfernes Publikum dem öffentlichen Ankauf von Kunst – noch dazu in Zeiten, in denen das Geld gerade anderswo verspekuliert worden ist – ablehnend gegenübersteht, liegt auf der Hand. Nun hat sich aber – und das ist bemerkenswert – gegen den Ankauf der Sammlung Essl durch die Republik eine Front aus Menschen gebildet, denen Kunstferne nicht unterstellt werden kann: Kulturjournalisten, Museumsdirektoren, Kuratoren und Künstler (jeweils beiderlei Geschlechts).

Manche Argumente sind seltsam, zum Beispiel: Die Auswahl der Essls sei subjektiv. Es gibt auf der ganzen Welt keine Sammlung, deren Auswahl nicht subjektiv ist.

Das Kunsthistorische Museum in Wien etwa verfügt über eine wundervolle Sammlung, die an manchem überreich ist und beträchtliche Lücken aufweist. Das hängt mit dem subjektiven Kunstinteresse der habsburgischen Sammler zusammen. Und danach ist es in der Republik die Entscheidung ankaufsberechtigter Direktoren. Von ihnen wird erwartet, dass sie sich auskennen, aber nicht, dass ihre Entscheidungen objektiv sind. Was soll das überhaupt sein?

Es ist merkwürdig: Der Kunstminister gerät unter Druck der Kunstszene, weil er überlegt, ein Konvolut zeitgenössischer österreichischer Kunst zu kaufen. Daher wird – offenbar zur Beruhigung der Szene – das Argument herangezogen: Es geht gar nicht um Kunst, es geht um 4000 Arbeitsplätze.

 

Seltsame Argumente

Dass zur Rettung von tausenden Arbeitsplätzen Millionen verwendet werden, ist nicht neu, und im Regelfall ist damit lediglich die Hoffnung verknüpft, dass die Geldspritze wirkt und Arbeitslosigkeit verhindert. Einen weiteren Gegenwert gibt es nicht. In diesem Fall gibt es aber einen Gegenwert, nämlich eine Kunstsammlung. Ausgerechnet daran entzündet sich die wütende Kritik von Teilen der Kunstszene. Sie will nicht, dass Kunst gekauft wird. Das ist seltsam. Es wäre noch zu verstehen, würde von den Kritikern die konkrete Forderung erhoben: Die fraglichen 86Millionen, um die es geht, mögen erst einmal bereitgestellt werden, und dann möge entschieden werden, ob das Geld dem Kauf der Essl-Sammlung dient oder ins Ankaufsbudget der Museen geht oder auf anderen Wegen Kunst und Künstlern zugutekommt.

 

Übrig bleibt eine simple Frage

Diese Forderung wurde aber nicht erhoben, und sie wäre auch sinnlos. Wenn es nämlich gelänge, den Kauf der Sammlung zu verhindern, dann erhielten deswegen die Direktoren keinen Cent mehr für ihr Ankaufsbudget, sondern das Geld würde eben irgendwo sonst – hoffentlich halbwegs sinnvoll – zerbröseln und vertröpfeln, und es gäbe keine Sammlung Essl im öffentlichen Eigentum.

So ist das nämlich mit gelegentlichen Kraftanstrengungen: Unterlässt man sie, erblüht nichts anderes stattdessen. Das ist die Regel. Woran man sich später erinnern wird, das sind eben diese gelegentlichen Kraftanstrengungen, auf die man stolz ist, und nicht, dass der Minister das Vorhandene ordentlich und möglichst sparsam verwaltet hat.

Das heißt: Die Museen haben gar nichts davon, wenn die Sammlung Essl nicht gekauft wird, und die Künstler haben auch nichts davon. Man kann daher den Sachverhalt unglaublich kompliziert darstellen und auch so tun, als spielten Missgunst, Schadenfreude und persönliche Ressentiments hier keinerlei Rolle. Aber am Ende reduziert es sich doch auf die simple Frage: Kunst kaufen oder nicht kaufen? Angeblich versteht sich Österreich als Kulturnation. Ist das so, dann lautet die Antwort: Kunst kaufen!

Peter Huemer (*1941 in Linz), Journalist und Historiker, hat den „Club 2“ und die Radioreihe „Im Gespräch“ geleitet und unterrichtet an der Filmakademie Kulturgeschichte.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2014)