Genom: Ei von Chicken No. 256

Das Hühnergenom ist da. Es soll der Medizin und Landwirtschaft helfen, aber auch der Genforschung selbst.

I
ch wollt', ich wär ein Huhn", krähten voll Vergnügen die Comedian Harmo nists, die nicht wissen konnten, wie weit ihr Wunsch schon erfüllt war: Wir teilen nicht nur die Zahl der Gene - Gene sind die Teile des Genoms, die aktiv sind - mit Gallus gallus, dem Bankivahuhn oder auch Roten Kammhuhn, es sind um die 20.000. Unsere Gene stimmen auch zu 60 Prozent mit denen des wilden Ahnherrn aller Hühner überein. Viele leben nicht mehr in der freien Natur, viele hausen in Labors respektive ihren Hühnerhöfen, und eine von ihnen ist der neue Star: "Michigan State University chicken No. 256". Das ist eine Veteranin, seit sieben Jahren schon - für Hühner ein biblisches Alter - dient sie der Forschung des Mikrobiologen Jerry Dodgson, der No. 256 auch Blut abgezapft und es an das "International Chicken Genome Sequencing Consortium" verteilt hat.

Nun liegt das Genom vor, als erstes eines Vogels und eines landwirtschaftlichen Nutztiers, die Hoffnungen der Geflügelwirtschaft sind groß, die der Biologie und Medizin sind es auch (Nature, 432, S. 695). Am Huhn studiert man vieles, was man an Säugetieren schwer studieren kann, etwa die Embryonalentwicklung. Sie läuft ganz ähnlich, aber dem Huhn kann man im Ei zusehen. Zudem kann man an ihm eine Reihe menschlicher Krankheiten durchspielen, und man kann viele davon mit der Hilfe des Huhns bekämpfen, in Hühnereiern werden Impfstoffe produziert. Nun hofft man auf ein präziseres Instrumentarium zur Erkundung etwa des Immunsystems, das Genom hat eine Überraschung gebracht: Von den bisher sequenzierten Tieren teilt nur das Huhn mit uns ein Gen für Interleukin-26 - bei Mäusen und Ratten arbeitet dieses Gen nicht, es ist ein Pseudogen -, an ihm kann man nun in die Feinheiten gehen.

Nicht alles ist so überraschend: Anders als Säugetiere haben Hühner keine Gene für Spucke, Milch und Zähne - wozu sollten sie auch, Vögel geben keine Milch und haben ihre Zähne längst abgelegt -, sie haben auch keine für das "vomeronasale Organ". Das ist ein feiner Sensor für Signaldüfte, fast alle Säugetiere haben ihn, wir nicht. Dass auch Hühner ihn nicht haben, scheint den Verdacht zu bestätigen, Vögel hätten schlechte Nasen. Aber das stimmt nicht, sie haben erstaunlich viele Gene für den ganz normalen Geruchssinn, 238, so viele wir wir. Zu den minderen Sensationen zählt wieder, dass Hühner etwas haben, was Säugetiere nicht haben - Gene für das Eiweiß im Ei -, spannender sind Parallel-Entwicklungen der Gene für Haare und Federn.

Am spannendsten aber ist das Hühnergenom - über alle Details hinaus - für die Genforscher selbst, die sich in immer tieferen Mysterien verheddern, je weiter sie graben. So wird beispielsweise immer unklarer, wie Gene des Menschen reguliert werden. Im Vergleich mit Fischen - der Fugu ist sequenziert -, kann man es nicht klären, sie sind zu weit von uns weg; und im Vergleich mit Säugetieren - Mäusen etwa - kann man es auch nicht klären, sie sind zu eng mit uns verwandt. Die Vögel hingegen, von denen sich die Säuger vor 310 Millionen Jahren getrennt haben, haben die richtige Distanz: "Das Hühnergenom füllt eine entscheidende Lücke", erklärt Francis Collins (National Institute of Health, USA): "Das Huhn steht im Baum des Lebens zwischen Fischen und Säugetieren."

Man hofft zumindest, dass diese Distanz die richtige ist, und auch sonst sind Begeisterung und Erwartungen groß, schon lange wurde um ein Genom nicht mehr so kräftig gegackert wie nun. Nur der Hühnerforscher Dodgson hält sich zurück, er vergleicht die Aussagekraft eines Genoms mit der eines Telefonbuchs: "Wie nützlich ist ein Telefonbuch? Es gibt keine Antworten, aber es fasst zusammen, wen man wo erreichen kann. Es ist der Ausgangspunkt für Fragen."

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