Virologie: Der Pandemie ins Auge schauen

Die Furcht vor einem weltweiten Ausbruch der Influenza wächst, Gegenmittel sind kaum zu Hand.

Irgendwo in Asien wird in Vögeln ein neues Grippe-Virus geboren, dem das menschliche Immunsystem noch nie begegnet ist. Erst tötet es wenige Menschen, aber bis die Behörden es bemerken, ist es schon mit dem Flugzeug in Los Angeles, Sydney und London. Hunderte sterben, im Wortsinn durch Ertrinken: Eine Flüssigkeit füllt ihre Lungen. Die Öffentlichkeit ruft nach Impfstoffen und Medikamenten. Aber einen Impfstoff gibt es nicht und die Medikamente sind knapp. Panik bricht aus, Schulen, Geschäfte und der Verkehr werden geschlossen. Wenn der Ausbruch 18 Monate später vorbei ist, sind zwei Milliarden Menschen erkrankt und über 40 Millionen tot."

So steht es nicht im nächsten Skript für Hollywood, sondern im Wissenschaftsjournal Science. Irgendwann wird es demnach wieder kommen, das Influenza-Virus, das in seiner ersten und schlimmsten Pandemie 1918/1919 mindestens 20 Millionen Menschen getötet hat und seitdem, mit milderen Folgen, mehrfach um die Erde gezogen ist, 1957 etwa und 1968. Aber man weiß nie, in welcher Variante es kommt, es verändert die Hüllproteine, Hämagglutinin und Neuraminidase, H und N, je nach ihrer Charakteristik werden die Varianten benannt. H5N1 heißt die derzeit größte Sorge, es tötete 1997 in Hongkong sechs Menschen.

Und es brachte gleich zwei böse Überraschungen: Vorher ging man davon aus, dass die Viren von ihren ursprünglichen Wirten - Hühnern, Enten - auf Schweine gehen, sich dort verändern und dadurch erst fähig werden, auch Menschen zu infizieren. Aber H5N1 kam direkt von Geflügel. Und gegen dieses Virus versagte die ohnehin nachhinkende Waffe der Impfstoffe: Von der Entwicklung bis zur Massenproduktion braucht es sechs Monate. In dieser Frist wäre das Virus heute schon überall, man hat es anhand des Flugverkehrs zwischen den 52 wichtigsten Städten modelliert, 1968 wäre es noch halb so rasch gereist (Science, 306, S. 392). Und gegen das Virus von 1968 konnte man auf ganz klassischem Weg einen Impfstoff herstellen, man verwendet dazu lebende Hühnereier. Aber H5N1 tötet Eier.

Theoretisch gibt es eine Lösung, sie heißt "reverse genetics" und baut die Virengene erst in Bakterium um, bevor sie in Eier kommen. Aber an Menschen getestet ist so ein Impfstoff noch nicht, er wäre auch nicht überall willkommen, er ist ein Produkt der Gentechnik. Zudem bräuchte auch diese Methode vier bis sechs Monate, inzwischen müsste etwas anderes einspringen, ein Medikament gegen Viren. Aber gegen H5N1 gibt es nur eines - Oseltamivir, verkauft als "Tamiflu" -, und das wird nur von einer Firma hergestellt. Wer sollte die beschränkten Mengen bekommen, die Alten, die Jungen, die Reichen - es ist teuer -, die Armen?

Die, bei denen die Epidemie ausbricht und bei denen sie vielleicht erstickt werden kann, schlägt die Weltgesundheitsorganisation vor. Es ist aber fraglich, ob der Westen seine Vorräte nach Asien schicken würde. Thailand, Vietnam, China sind die Hauptquellen der Viren, viele Bauern leben eng mit Geflügel zusammen, zudem kommt Viren-Nachschub von wilden Wasservögeln. In Thailand will man alle trennen: Man fordert die Bauern auf, den Kontakt mit dem Geflügel zu minimieren und es mit Netzen vor wildem Geflügel zu schützen.

Den Weg, den man in Hongkong eingeschlagen hat, fürchtet man in Thailand: das Impfen des Geflügels. Zwar erhält es dadurch einen gewissen Schutz, es bildet Antikörper gegen die Erreger. Aber das ist das Problem: Man kann dann nicht unterscheiden, ob die Antikörper gegen den Impfstoff oder die Viren gebildet wurden: ob die Tiere erkrankt sind oder gesund.

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