Die Herstellung der Nahrungsmittel - und vieler anderer Konsumartikel - wird sich grundlegend ändern.
Die Revolution des Kleinen erfasst auch die Agrikultur
Es ist fünf Uhr früh. Ein Farmer im Mittelwesten trinkt am Computer Kaffee. Satellitenbilder zeigen ein Unkraut-Problem auf den Feldern im Norden. Um 6.30 Uhr ist der Farmer dort und bringt Pestizide aus." So stellt sich ein Agrar-Forschungsinstitut in Illinois die Zukunft der Landwirtschaft vor - "precision farming" -, andere haben eine blühendere Fantasie: "Heute lassen wir Bäume wachsen, schlagen sie und bauen Tische daraus", träumt Rodney Brooks (Artificial Intelligence Laboratory, MIT): "In 50 Jahren werden wir Tische wachsen lassen."
Beide Prognosen, die milde und die vollmundige, haben eines gemeinsam: Die Agrikultur - und die Ernährung - wird gerade revolutioniert, durch einen High-tech-Verbund, in dessen Zentrum "Nano" steht. Das ist ein unübersehbares Gebiet, das nur durch die Größe seiner Instrumente definiert ist - "Nano" ist alles unter hundert Nanometer - und keine Anwendungsgrenzen kennt: Manche Zwerge sollen etwa auf den Feldern des Bauern im Mittelwesten wachen - Nano-Sensoren - und bei Trockenheit oder Schädlingsbefall Alarm schlagen.
Im Idealfall ginge der nicht nur an den Computer, sondern auch an andere Winzlinge - Nano-Kapseln -, die in die Pflanzen integriert sind und bei Bedarf Pestizide freisetzen, etwa Insektizide, die wieder so verkapselt sind, dass sie nur im Insektenmagen frei werden. Das alles gibt es noch nicht - man arbeitet daran -, aber Vorläufer sind da: Viele Pestizide werden in Nano-Kapseln angeboten, man braucht weniger, es haftet besser an den Pflanzen. Bei anderem ist die Forschung weit - in russischen Labors reifen Tomaten und Fische mit Nano-Eisen rascher, das US-Landwirtschaftsministerium testet Nano-Impfstoffe für Fischfarmen -, wieder anderes kommt demnächst auf den Markt: Eine US-Firma will Swimmingpools algenfrei halten, mit Nano-Lanthan, das Phosphate im Wasser absorbiert.
Das können Nanopartikel, weil sie relativ große Oberflächen haben, man will sie deshalb auch zur Reinigung kontaminierter Böden einsetzen. Und die großen Oberflächen machen Nanopartikel reaktiv, man will etwa mit Nano-Silber Bakterien töten. Welche anderen Eigenschaften die Miniaturisierung noch bringt und wie sie sie bringt, ist oft ungeklärt - bei der Wachstumsbeschleunigung durch Nano-Eisen etwa -, viele halten es auch für nicht klärungsbedürftig: Es gibt weltweit keine gesetzlichen Regelungen für Nano, nur Warnungen, etwa der Royal Academy, die voreilige Freisetzung verboten und die Arbeitssicherheit in Nano-Labors und -Fabriken gehoben sehen will.
Und es gibt ETC, eine Aktivistengruppe in Kanada, die das Thema verfolgt und schon manchen entnervt hat: "Schließlich empfehlen wir ja nicht, dass man nanotechnische Produkte essen soll", beschied Richard Smalley, Nobelpreisträger und Nanotechnik-Unternehmer, im Juni 2003. Da hatte die Nanotechnologie in der Nahrungsmittelindustrie einen Markt von zwei Milliarden Dollar, Prognose für 2010: 20 Milliarden (www.etc.org). Das Geld geht heute vor allem in Produktionsverfahren und Verpackungen: Manche Folie enthält Nano-Titanoxid, das schützt vor UV. Ob es harmlos ist, ist eine andere Frage, die Royal Academy warnt vor seinem Einsatz in Sonnencremes.
Im Essen scheint noch nichts, aber alle arbeiten daran, etwa an "Nanoceuticals" - darin sind gesunde Dinge verpackt, etwa Fischöl, das man nicht schmeckt - oder an "interactive foods". Das sind Nahrungsmittel mit Hunderten Inhaltsstoffen, die in Nanokapseln verpackt sind und vom Konsumenten - via Mikrowelle - nach Gusto aktiviert werden: Entweder wird das Getränk grüne saure Limonade oder rosa süße.
Wie sicher wird sie munden, und wem? Die Revolution stellt auch weltweite soziale Fragen: Aus den Äckern im Mittelwesten werden so rasch zwar keine Tische sprießen, aber Rohstoffe, aus denen man Nano-Kohlenstoff gewinnen kann - C60, Fullerene -, die man Plastikstoffen beimischt, auf dass sie alle guten Eigenschaften der Baumwolle annehmen. Die selbst würde entbehrlich.