Physik: Atommacht Brasilien?

Mit einer Uran-Anreicherungsanlage schafft das südamerikanische Land einen heiklen Präzedenzfall.

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ährend alle Sorgen vor neuen Atommächten sich auf Nordko rea und den Iran konzentrieren, wird in Resende, Brasilien, eine Uran-Anreicherungsanlage in Betrieb genommen, deren Ausstoß für fünf bis sechs Bomben im Jahr reichen würde. Zwar versichern alle Offiziellen, man denke nicht an Bomben, der Verzicht darauf sei in der Landesverfassung festgeschrieben, und überdies sei man Mitglied des Vertrags zur Nichtverbreitung nuklearer Waffen (NPT), der von der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEA in Wien überwacht wird.

Aber. Die Aber beginnen in den 80er-Jahren, als die damalige Militärdiktatur ein geheimes Bomben-Programm initiierte, das so gut getarnt war, dass die IAEA es lange nicht bemerkte. 1990 wurde es öffentlich, der neue Präsident Collor de Mello schwor der Bombe ab und unterzeichnete den NPT. Bei dem dreht sich alles darum, dass IAEA-Kontrolleure jederzeit und überall uneingeschränkten Zugang haben. Exakt das will Brasilien bei seiner neuen Anlage verhindern. Dort wird Uran in Gaszentrifugen angereichert: Mit Natururan - Brasilien hat die sechstgrößten Reserven der Erde - kann man nichts anfangen, man kann es nicht in Reaktoren verfeuern und schon gar keine Bombe damit bauen. Es besteht zu 99,3 Prozent aus dem nicht spaltbaren Isotop 238U und zu nur 0,7 Prozent aus spaltbarem 235U. Für Reaktoren braucht man drei Prozent, für Bomben über 90 Prozent.

Chemisch unterscheiden sich die beiden Isotopen nicht, man nutzt zur Trennung die unterschiedliche Masse: Man wandelt festes Uranoxid in gasförmiges Uranhexafluorid um und leitet das durch Zentrifugen, das schwerere 238U geht an den Rand, das leichtere 235U sammelt sich in der Mitte. Dort will Brasilien es auf drei bis fünf Prozent anreichern, mehr nicht. Es soll nur keiner zuschauen, auch die IAEA nicht: Brasilien will den Inspektoren nur beschränkten Zugang gewähren - die Zentrifugen sollen mit Sichtblenden ummantelt werden -, um seine technischen Geheimnisse von Konkurrenz zu schützen (Science, 22. 10.).

Solche Geheimnisse hat die IAEA allerdings noch nie ausgeplaudert, was den Verdacht weckt, es könne etwas anderes dahinter stehen bzw. ein anderer: Karl-Heinz Schaab. Das ist ein deutscher Ingenieur, der bei MAN Technologie arbeitete, die Gaszentrifugen für ein europäisches Projekt herstellte. Er lebt in Brasilien. Deutsche Gerichte hätten ihn gerne: Er steht im Verdacht, die Blaupausen der Europa-Zentrifugen an den Irak verkauft zu haben. Vielleicht auch an Brasilien, vielleicht soll deshalb die IAEA die Zentrifugen nicht zu Gesicht bekommen.

Wie auch immer, Brasilien und die IAEA verhandeln, und wenn Brasilien seinen Anspruch durchsetzt - ob es nun Bomben will oder nicht -, wäre ein Präzedenzfall für andere geschaffen, die die IAEA-Kontrolleure auch eher ungern begrüßen, derzeit: Iran.

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