Eine durch Krebstherapie sterile Frau hat ein Mädchen geboren.
Tamara, ein 3,72-Kilogramm-Kind, das am Donnerstag in der Universitätsklinik in Brüssel entbunden wurde, könnte einmal so berühmt werden wie "Baby Louise", mit dem vor über 25 Jahren das Zeitalter der Zeugung außerhalb des Körpers ("In-vitro-Fertilisation", IVF) eingeläutet wurde. Heute gibt es über eine Million solcher Retortenkinder, und auch der Bedarf nach "Tamaras" ist steigend.
Denn man kann heute viele Tumore heilen, vor allem bei jungen Menschen, im Jahr 2010 wird jeder 250. als Kind therapiert worden sein. Aber der Preis von Strahlen- und Chemotherapie ist - oft - Unfruchtbarkeit, Ei- und Sperma-Vorläuferzellen werden auf Dauer zerstört. Männer können vor der Therapie Sperma einfrieren lassen, bei Eizellen ist das schwieriger, am besten geht es mit befruchteten, wie man sie zur IVF einlagert. Aber damit ist Frauen ohne aktuellen Partner nicht geholfen, und nicht geschlechtsreifen schon gar nicht.
Auf diese Gruppe zielt das in Brüssel erstmals erfolgreiche Verfahren: Man entnimmt Frauen vor der Krebstherapie Gewebe ihrer Ovarien - in ihm lagern Vorläufer der Eizellen - und friert es ein ("Kryokonservierung"). Das hat man vor sieben Jahren bei einer heute 32-jährigen Belgierin getan, die eine Tumortherapie brauchte: Man entnahm ihr zuvor einen Eierstock und lagerte Teile ein. Letztes Jahr implantierte man sie wieder, in den verbliebenen Eierstock.
Der Zyklus der Frau sprang wieder an, sie bekam Eizellen und wurde schwanger, mit Tamara (Lancet, 24. 9.) Allerdings gibt es Zweifel daran, ob die Eizellen wirklich aus der Kryokonserve kamen oder doch aus dem verbliebenen Eierstock. Andere Ärzte haben bei ähnlichen Experimenten das Gewebe nicht an den alten Ort retransplantiert, sondern an irgendeinen anderen, in den Arm etwa: Dort bildeten sich keine Eizellen. Und: Bei fast der Hälfte aller Krebstherapien bleiben die Ovarien intakt.
Ausschließen können das die Brüsseler Ärzte nicht, sie sind sich nur sehr sicher. Allerdings warnen sie vor einer Gefahr: In der Kryokonserve könnte auch der Tumor überlebt haben. Zudem müssen dringend die Bioethiker an die Front: Auch gesunde Frauen könnten Ovarien einlagern und nach dem Ende ihrer biologischen Zeugungsfähigkeit abrufen.