US-Forscher haben in letzter Minute "ernsthafte Bedenken" gegen das elektronische Wählen angemeldet.
E
r werde "die Stimmen von Ohio" an George W. Bush "liefern", ver sprach Walden O'Dell, Chef der Fir ma Diebold Inc. in einem Brief, in dem er um Spenden für Bushs Wahlkampf bat. Das wäre nicht weiter aufregend, wäre Diebold nicht Marktführer bei den "Direct Recording Electronic Systems" (DRE's). Das sind Maschinen, auf deren Touch-screens man den Kandidaten antippt, dann geht die Entscheidung online auf Datenträger - elektronische, Papier oder irgend anderes Angreifbares und nachträglich Prüfbares ist nicht dabei. 30 Prozent der US-Wähler haben an DRE's abgestimmt, vielen klang O'Dells Versprechen wie eine Drohung, aber natürlich hat er es nicht so gemeint, es ging nicht um elektronische Manipulation, nur um Geld. Seine Firma spendet üppig für die Republikaner, vielleicht hofft sie auf Umwegrentabilität: Ein mittelgroßer Bundesstaat braucht zur Vollausstattung 20.000 Maschinen, eine kostet 3000 Dollar.
DRE's sind der jüngste Versuch, all das zusammenzubringen, was eine demokratische Wahl braucht: Frei abgegeben und gleich gewichtet muss jede Stimme sein, Geheimnis des Wählers muss sie bleiben, und korrekt ausgezählt sollte schon auch werden. Damit waren die frühen Siedler überfordert: Mancherorts warf man bunte Bohnen in den Wahltopf - das öffnete dem Betrug Tür und Tor -, anderswo sagte der Wähler im Wahllokal sein Votum laut an, die Kandidaten standen daneben und hörten interessiert zu. Abhilfe sollten Zettel schaffen, auf die die Wähler die Namen der Kandidaten schrieben. Dann knüllten sie sie zusammen - Wahlzettel heißen in den USA heute noch "ballots" - und warfen sie in den Topf, erstmals 1629 bei der Wahl eines Pfarrers.
Aber Papier ist schwer und braucht Geduld, zur Beschleunigung kamen 1890 "Lever Voting Machines" - mit Hebeln für jeden Kandidaten -, aber die brachen oft zusammen, und ein Nachzählen war unmöglich. Die nächste Lösung hieß Lochkarten, sie wurde bei den Wahlen 2000 in Florida berühmt, die Karten werden nicht immer ganz durchgelocht, das gibt der Interpretation Raum: Wollte der Wähler den Kandidaten oder hat er sich umbesonnen? Um ermattenden Augen abzuhelfen, kamen optische Scanner, dann endlich die DRE's. Und alle sind noch da. Deshalb wird nun - es gibt keine US-einheitliche Regelung, jede Gebietskörperschaft bestimmt ihr Verfahren selbst - in manchen Bundesstaaten in allen fünf Varianten nebeneinander gewählt.
Aber erst einmal muss der Wahl-Willige registriert sein, schon das ist eine Wissenschaft für sich: Laut Zensus-Büro konnten anno 2000 1,5 bis drei Millionen registrierte Wähler ihre Stimme nicht abgeben, weil es Probleme mit den Registern gab. Umgekehrt können Tote auferstehen: 15.000 Karteileichen fand man in Georgia, 5412 davon haben gewählt, wie immer sie das auch bewerkstelligt haben. Nächste Hürde ist der Wahlakt selbst: 40 Millionen US-Bürger sind behindert, blind etwa, und auch die Sehenden können nicht immer lesen, zumindest nicht die englische Sprache. Zu lesen gibt es viel, manche Wahlzettel sind mittlere Broschüren, auch das brachte in Florida anno 2000 ungültige Stimmen, viele Wähler dachten, auf jeder Seite sei ein Kreuz zu machen.
Dann endlich wird gezählt. Wieder anno 2000 schritten in Rio Arriba 203 Wähler zu den DRE's: "0" Stimmen für alle Kandidaten zusammen. Wieder in Florida gingen bei Regionalwahlen 2004 wegen Computer-Abstürzen 8,5 Prozent der Stimmen verloren, man konnte sie rekonstruieren, sie hätten das Ergebnis herumgeworfen, gewertet wurden sie nicht. Zudem gibt es keinerlei technische Standards für DRE's - jede Firma hat ihr Programm -, gemeinsam ist ihnen nur, dass sie auch mittelbegabte Hacker einladen: Die Verschlüsselungsmethode von Diebold wurde bekannt - die Firma hatte den Quellcode versehentlich auf ihre Homepage gestellt - und von Experten vernichtend kritisiert.
Und im Zweifel kann eben nichts nachgezählt werden, weil nichts Greifbares da ist. "Bei elektronischen Wahlmethoden bleiben ernsthafte Bedenken", fasst eine Studie zusammen, mit der sich die renommierte American Association for the Advancement of Science in letzter Minute eingeschaltet hat. Könnte man sie dadurch mildern, dass man die elektronischen Voten auch ausdruckt und einlagert oder den Wählern mit gibt? Viele fordern es, aber es hat Pferdefüße: Lagert man sie ein, ist das Wahlgeheimnis in Gefahr, man könnte möglicherweise Wähler und Votum zuordnen. Gibt man sie den Wählern mit, könnten die sie Stimmenkäufern vorzeigen und belegen, dass sie gewählt haben wie bezahlt.