Linguistik: Der Geburt einer Sprache zusehen

In Nicaragua haben taube Kinder in kaum drei Jahrzehnten eine neue Gebärdensprache entwickelt.

S
eit 1977 kann man in Nicaragua im Wortsinne zusehen, wie eine Sprache geboren wird: Damals nahmen sich die Sandinisten einer Gruppe an, die unter Diktator Somoza ohne jede Betreuung geblieben war, der tauben Kinder. Die waren zuvor ihren Familien überlassen und verständigten sich mit ihnen in groben Gebärden, die für den Alltagsgebrauch reichten, in die Schule konnten diese Kinder nicht. Dann brachte man die ersten 50 in ein zentrales Heim, man wollte sie das Lippen lesen lehren. Sie lernten es auch, ohne große Begeisterung, die investierten sie in etwas ganz anderes: Sie entwickelten aus eigener Initiative eine völlig neue und hoch elaborierte Gebärdensprache - die Nicaraguan Sign Language (NSL) -, die sie seitdem verfeinern, nunmehr in der dritten Generation. Man rechnet pro Generation zehn Jahre, weil es wahrhaft die Jüngsten sind, die die Sprache vorantreiben.

Für die Wissenschaft ist das eine einzigartige Gelegenheit: Wie Sprache entsteht, ist hoch umstritten, auf der einen Seite steht Noam Chomskys Hypothese der angeborenen Grammatik, derzufolge jedes Kind bei der Geburt die Sprachfähigkeit mitbringt, die nur aktiviert werden muss; die Gegen-Fraktion sieht in der Entwicklung von Sprache den Sonderfall eines allgemeinen Problemlöse-Verhaltens, das in diesem Fall einen Weg zur Verständigung finden muss. Experimentell entscheiden kann man nicht - man müsste Gruppen von Kindern beobachten, die man gleich nach der Geburt von ihren Eltern trennt und isoliert heranwachsen lässt -, aber in Nicaragua machte die Geschichte selbst ein Experiment.

Ausgewertet wird es seit bald 20 Jahren von der Psychologin Ann Senghas (Columbia University, New York), die 1986 zur Hilfe beim Aufbau einer Gehörlosenschule ins Land gerufen worden war: "Kinder besitzen Lernfähigkeiten, die einer Sprache ihre fundamentale Struktur geben können", ist ihr letzter Stand (Science, 305, S. 1779). Das ist eine salomonische Formel, die den eher fruchtlosen Grundsatzstreit umgeht und sich stattdessen der Beobachtung zuwendet: Senghas verglich Kinder, die bis 1984 NSL lernten/kreierten, mit Nachfolgegenerationen und mit Spanisch sprechenden Personen, denen die Videokamera auch exakt auf die Gestik sah.

Zunächst spielte sie allen einen Film vor, in dem ein Ball eine Treppe hinab hüpft, dann bat sie sie, das nachzuerzählen. Die Spanisch-Sprecher taten das in ihrer Sprache und fassten zugleich mit der Hand das Geschehen in eine Bewegung zusammen, die - vergleichbar einer Pantomime - in einem Zug imitiert, wie ein Ball eine Treppe hinab hüpft. So war es auch bei der ersten Generation der NSL-Sprecher.

Aber ihre Nachfolger haben das zu einer echten Sprache verfeinert, sie haben verschiedene Gesten für die Art der Bewegung (Hüpfen) und die Richtung der Bewegung (hinab) ausdifferenziert. Exakt so machen es elaborierte Sprachen wie etwa das Spanische: Sie zerlegen die Welt, respektive das Reden über sie, in diskrete Elemente, die beliebig kombinierbar sind und damit - trotz ihrer beschränkten Zahl - eine endlose Vielfalt des Ausdrucks ermöglichen.

"Wir sehen die Evolution einer Sprache", erklärt Senghas: "Sie wird von den Kindern beim Erlernen der Sprache vorangetrieben, in dem Augenblick, in dem Sprache reproduziert wird." Später nicht mehr: Die älteren NSL-Sprecher konnten den Innovationen der Jüngeren nicht folgen. Das bringt beim Spekulieren über die Entstehung der ersten Sprache ein Henne/Ei-Problem: Hat die Lernfähigkeit die Sprachfähigkeit angeregt oder vice versa? "Wir spekulieren, dass es eine Kombination war, dass die diskrete und hierarchische Natur der Sprache Hand in Hand ging mit dem analytischen und kombinatorischen Lernen von Kindern."

Das heißt auch etwas Aktuelles, für schon fertige Sprachen und die, die sie lernen bzw. die, die sich Sorgen darum machen und es ihren Kindern mit Sprach-Lernspielzeug oder Vokabel-Listen einlöffeln wollen. "Kinder haben ihr Radar von Anfang an eingebaut, sie mustern die Welt nach Informationen durch, die zu Sprache passen. Und sie verarbeiten die Informationen auf eigenen Wegen", erklärt Senghas: "Man muss sie nichts Besonderes lehren, sie lernen es schon ganz alleine, wenn sie nur soziale Interaktion haben."

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.