Verändern sich Pflanzen durch Berühren, Tiere durch Kennzeichnen? Die Forschung ist darüber uneins.
T
he herbivori uncertainty principle: Visiting plants can alter herbivory." Mit diesem Titel, der auf Heisen bergs Unschärferelation anspielte, brachte James Cahill, University of Delaware, anno 2000 beträchtliche Unruhe in die Wissenschaft. Zwar nicht in die Physik - die nahm die Anmaßung nicht wahr und hätte sie sich vielleicht verbeten -, wohl aber in Cahills eigenes Feld, die Ökologie. Die hält sich viel zugute darauf, dass sie ihre Objekte nicht unter künstlichen Laborbedingungen studiert und manipuliert, sondern hinauszieht in die freie Natur, nichts anderes tut, als sie beobachten, allenfalls noch vermessen oder kennzeichnen.
Ersteres tut Cahill, er ist Botaniker und misst frei lebende Pflanzen, dazu muss er erst über die Wiese zu ihnen gehen - andere Pflanzen niedertrampeln -, dann muss er sie berühren. Ende der 90er-Jahre fiel ihm bei Wiederholungsbesuchen auf, dass manche berührte Pflanzen unter stärkeren Insekten-Druck geraten waren, er prüfte es im Experiment: Von sechs Arten hatte eine mehr Fraßschäden, zwei hatten weniger. "Die alte Annahme, dass Feldforscher ,liebevolle Beobachter' sind, ist völlig falsch", schloss der Forscher (Ecology, 82, S. 307).
Damit begann unter den Pflanzenkundlern ein Streit, den die Zoologen hinter sich glaubten. Auch bei ihrer Feldforschung war anfangs viel zerstört worden - wer einen Vogel im Nest beobachtet, kann auch Nesträubern den Weg weisen -, aber nun hält man sich zurück, soweit es geht. Ganz geht es nicht, Tiere bewegen sich, man muss sie kennzeichnen. Vögel kann man beringen, bei Pinguinen geht das nicht, ihnen hängt man Armbänder aus Metall oder Plastik an die Flossen ("Banding"), Zehntausende hat man seit 50 Jahren so gekennzeichnet.
Aber erst dieses Jahr hat eine französische Forscherin Pinguinen stattdessen kleine Sender implantiert und Tiere mit und ohne Banding verglichen: Die mit den Armbändern produzierten weniger Junge, und die überlebten schlechter. Ähnliches fiel an der üblichen Kennzeichnung von Fröschen und Kröten auf: Man schneidet ihnen Zehen ab, keine feine Prozedur, aber man fürchtete keine Folgen. Nun weiß man, dass jede abgeschnittene Zehe - außer der ersten - vier bis elf Prozent der Tiere das Leben kostet.
Warum, ist unbekannt, auch Cahill hat für die Reaktion der Pflanzen nur Hypothesen. Immerhin, dass manche reagieren, steht jetzt außer Streit (Ecology, 85, S. 307, 2901). Allerdings ist der Effekt sehr gering.