Was junge Tiere einmal im Gehirn haben, geht nie verloren, auch wenn es lange nicht gebraucht wird.
Wer seine Kinder zu Weihnachten mit überraschendem Spielzeug erfreut, hinterlässt nicht nur eine Spur in seinem Geldbeutel, sondern auch in ihren Gehirnen. So ist es zumindest bei Schleiereulen, an denen vor allem Neurobiologe Eric Knudsen (Stanford University) seit Jahren mit einem ganz besonderen Trick das Gehirn erforscht: Er setzt den Eulen Brillen auf, die das Sehfeld seitlich verschieben. Dann kommen sie in Verwirrung, die beiden wichtigsten Sinneswahrnehmungen widersprechen einander, das Auge dem Ohr. Und bei Eulen sind beide miteinander verwachsen, sie können die Augen kaum bewegen, müssen den ganzen Kopf drehen, im Gehirn werden dann optische und akustische Information zu einer mentalen Landkarte verarbeitet.
Aber mit der Brille stimmt die Karte nicht mehr: Es raschelt links im Laub, aber sehen kann die Maus nur, wer gerade nach vorn blickt. Junge Eulen lernen das rasch, sie können fast jede beliebige Verschiebung des Sehfelds bewältigen - in ihrem Gehirn neue Landkarten zeichnen -, ältere tun sich schwer, eine Drehung der Welt über 23 Grad hinaus können sie nicht mehr fassen. Allerdings sind auch sie noch lernfähig, die Universitäten füllen sich nicht zufällig auch mit angejahrten Kommilitonen: Wenn man die Verschiebung stückelt und die Welt erst um sechs Grad dreht und dann wieder um sechs, können sie folgen. Das gelingt um so besser, je abwechslungsreicher die normale Umwelt ist - und je höher eine Eule in der Hackordnung steht, aber Menschen müssen ja nicht überall wie die Eulen sein.
Am besten geht es aber in der ganz frühen Kindheit. Was Eulen dann erlernen, geht nie verloren: Wenn Knudsen ihnen die Brille aufsetzt, bauen sie im Gehirn die neue Karte; nimmt er sie ihnen wieder ab, bauen sie wieder zur alten Mappe um; und setzt er ihnen viel später im Leben die Brille wieder auf, ist die alte Karte noch da und kann aktiviert werden (Nature Neuroscience, 19. 12.).
Das heißt zum einen, dass verschiedene Teile des Gehirns verschieden arbeiten: Was lebensnotwendig ist - ohne Landkarte keine erfolgreiche Jagd -, wird früh fest verdrahtet und kann bei späterem Bedarf nur schwer moduliert werden. Aber die Erinnerung hat höhere Freiheitsgrade, sie kann einlagern und in der Not mobilisieren, was lange nicht lebensnotwendig war. "Es ist eine gegenseitige Abstimmung zwischen Verlässlichkeit und Flexibilität", erklärt Knudsen.
Und das heißt zum anderen, dass auf dem Gabentisch für die ganz Kleinen nicht nur Einweisungen ins Rechnen oder Lesen liegen sollten, sondern Spielzeug, das zur Wahrnehmung und Interpretation der Welt anregt. Die dafür zuständigen Gehirnregionen sind dann besonders wach, so wie auch die für die Sprache und das Einlernen in soziale Bezüge. Aber Letzteres weiß man schon von Untersuchungen an Menschen selbst, dazu braucht man keine Eulenhilfe.