Anthropologie: Macht die Nähnadel den Unterschied?

Die Neandertaler waren technisch kaum weniger begabt als Homo sapiens.

Im Jahr 1848 fiel Steinbruch-Arbeitern in Gibraltar ein seltsamer Schädel in die Hände, sie brachten ihn zur örtlichen Wissenschaftlichen Gesellschaft, die konnte ihn nicht zuordnen und lagerte ihn ein. Acht Jahre später fand man einen ähnlichen Schädel im Neandertal nahe Düsseldorf. Deshalb heißt er nicht "Gibraltarer", unser Verwandter, den man sich lange als plumpen Primitiven vorstellte, obwohl sein Gehirn größer war als unseres und er über 100.000 Jahre im damals unwirtlichen Europa überlebt hatte, bevor er vor aus der Geschichte verschwand.

Aber allmählich rückt er uns näher, der Verwandte mit seiner gedrungenen Gestalt. Diese Naturgabe galt als Schlüssel zu seinem Überleben der Eiszeit, aber sie gab ihm kaum mehr Wärme. Forscher haben die "untere kritische Temperatur" kalkuliert, das ist die, ab der ein nackter Körper Wärme produzieren muss - für gewöhnlich durch mehr Nahrung -, um 37 Grad zu halten, sie differiert zwischen Neandertaler und H. sapiens um nur ein Grad. Aber es war eisig kalt in Europa vor 30.000 Jahren, auch das kann man kalkulieren, bis minus 24 Grad brachten Temperatur und Wind - zusammengerechnet zum "wind chill factor" - etwa den Neandertalern der Kulna-Höhle in Mähren, einfach umgehängte Hüllen aus Tierfell hätten nicht geschützt, sie müssen Kleidung gehabt haben.

Allerdings nicht ganz so gute wie H. sapiens, der durchschnittlich kältere Regionen bewohnte. Dort herrschten im Winter minus 20 bis minus 23 Grad, bei den Neandertalern im Schnitt minus 16 Grad, offenbar waren sie zumindest in einer Technik weniger bewandert, sie hatten keine Nähnadeln. Allerdings wurde die auch von H. sapiens spät erfunden, vor 25.000 Jahren, und in anderen Techniken hatten es die Neandertaler weit gebracht, ihre "Mousterian-Kultur" erzeugte Steinwerkzeuge. Als vor etwa 35.000 Jahren H. sapiens eintraf, brachte er eine feinere Kultur mit, die des "Aurignac". Aber exakt zur gleichen Zeit revolutionierten die Neandertaler ihre Kultur zur "Châtelperronian", die dem frühen Aurignac glich. Ob sie es abgeschaut oder selbst entwickelt haben, darum geht nun die nächste Runde unter den Anthropologen (Science, 306, S. 40).

Ausgetragen wird sie an Datierungsfragen und Perlen, die die Frühmenschen als Schmuck herstellten und durchlöcherten. Aber H. sapiens und Neandertaler verwendeten andere Materialien - Knochen vs. Zähne - und Techniken, das spricht für eigenständige Parallel-Entwicklung. Zudem sehen manche Forscher eine Fehldatierung der ersten Aurignac-Kunst, die demnach noch gar nicht in Europa war, als die Neandertaler schon ihre Kultur revolutionierten.

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