Medizin: Aus der Kräuterapotheke: Nikotin

Eines der stärksten Suchtgifte könnte als Medikament bei vielen Leiden dienen.

Dass Rauchen schlank macht, wurde in einer frühen Anti-Tabak-Kampagne mit der Abbildung eines Skeletts vor Augen geführt. Aber es macht bzw. hält wirklich schlank. Und dass es gegen die Alterskrankheit Alzheimer hilft, wird ebenso gern von Rauchern vorgetragen wie von Nichtrauchern mit dem Hinweis darauf quittiert, dass man für Alterskrankheiten erst einmal alt werden müsse. Wird man es doch, hilft es wirklich.

Beides liegt am Nikotin, das so süchtig macht wie kaum eine andere Droge und deshalb von der Medizin weit umgangen wurde. Das war nicht immer so: Die Indigenen Amerikas, die den ersten Tabak zogen, kauten ihn bei Darmproblemen, und Jean Nicot de Villemain sandte 1560 Tabaksamen an den französischen Hof und pries die Pflanze als Wundermittel. Zum Einsatz aber kam Nikotin nur zu dem Zweck, zu dem die Natur es erfunden hat, als Gift. Pflanzen wehren sich damit gegen Insektenfraß, Menschen nutzen es als Insektizid, manche vergiften sich selbst daran, in hohen Dosen ist es auch für Menschen tödlich.

Das ist, neben der Abhängigkeit und den bösen Folgen des Rauchens - die meisten kommen von den 4000 anderen Bestandteilen des Tabakrauchs - der dritte Grund für die bisherige Zurückhaltung. Aber 1995 wurde geklärt, wie Nikotin im Gehirn wirkt: Es setzt sich auf Rezeptoren, an die normalerweise der Neurotransmitter Acetylcholin andockt, worauf andere Neurotransmitter freigesetzt werden. Etwa Dopamin, das ein Wohlgefühl verbreitet. Das wird von vielen Rauchern unbewusst zur Selbsttherapie eingesetzt - gegen Depression -, man will es nun auch bei Schizophrenie testen, bei der das Gehirn sich schwer tut, unterschiedliche Dopamin-Ausstöße zu interpretieren. Möglicherweise liegt auch die Anti-Alzheimer-Wirkung an der Stimmungsaufhellung, erste Tests mit Nikotin-Pflastern laufen.

Aber Nikotin erhellt nicht nur das Gemüt, es unterdrückt auch die Schmerz-Wahrnehmung und könnte vor allem nach Operationen eingesetzt werden (Plos, 16. 11.). Die größten Hoffnungen gelten jedoch dem Phänomen, das jeder ehemalige Raucher kennt: Nikotin mindert den Appetit, es wirkt auf gleich drei Moleküle, die ihrerseits die Esslust regulieren (Orexin, Neuropeptid Y, Leptin): Behandelt man Ratten damit, verlieren sie nicht nur Gewicht, sondern vor allem Körperfett.

Dieser Markt ist enorm, in seinem Vorfeld geht der Streit darum, ob man wohlfeile Rauch-Entwöhnungshilfen einsetzen könnte - Pflaster, Kaugummi - oder Spezialmedikamente entwickeln müsste. In jedem Fall ist von Selbstversuchen dringendst abzuraten, von allen mit Rauch ohnehin.

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