Der Grand Canyon soll wiederbelebt werden. Der erste Versuch 1996 schlug fehl, aber man hat gelernt.
Was waren das für Bilder im März 1996, als 18 Tage lang 1290 Ku bikmeter Wasser pro Sekunde durch die geöffneten Schleusentore des Glenn-Damms in den Grand Canyon schossen! Auch die Wissenschaft geriet in Euphorie - es war das größte Experiment an einem Fließgewässer und sah zunächst nach Erfolg aus -, aber die Ernüchterung folgte rasch, die Wassermassen hatten eher Schaden angerichtet. Dabei hatte man mit ihnen neues Leben in den Colorado bringen wollen, der oberhalb des Grand Canyon seit 1963 mit dem 216 Meter hohen Glenn-Damm verbaut ist und dort Strom für Las Vegas und Los Angeles erzeugen muss.
Diese Nutzung hat den Fluss unterhalb des Damms grundlegend verändert. Früher floss er schlammrot durch den Grand Canyon - er führte 57 Millionen Tonnen Sediment mit sich -, eisiges Frühjahrs-Schmelzwasser aus den Rocky Mountains, träges Sommerplätschern, das sich auf 32 Grad wärmte. Seit der Damm steht, kommt kein Sediment mehr durch, das Wasser fließt das ganze Jahr über in gleicher Menge, und es ist immer kalt. Das macht den Ansässigen zu schaffen, drei nur dort lebende Fischarten sind schon verschwunden, die vierte steht auf der Kippe, Gila cypha, ein Karpfen mit einem hohen Buckel. Den hat er sich vor 200 Millionen Jahren zugelegt, um sich in den wirren Wassern stabil zu halten. Aber nun sind sie nicht mehr wirr, und im Grand Canyon kommen viele Interessen zusammen, man hat für die Angler Forellen ausgesetzt, die die Buckligen zudem dezimieren.
Aber alle Interessen - fast alle, die Elektrizitätsgesellschaft will nicht noch einmal 16 Tage gleich 2,5 Millionen Dollar verlieren - eint eines. Der Colorado hat durch den Stau nicht nur seine Dynamik verloren, sondern auch deren Ergebnis, die immer wieder umgeschichteten Sandbänke und Uferzonen. Dort leben die Fische, dort campieren die Angler und Rafter, dort haben die Ahnen der Indianer ihre Spuren hinterlassen, heute archäologische Schätze. Alles schwindet seit 1963, deshalb die Gewaltkur 1996: Sie sollte das im Fluss ruhende Sediment aufwirbeln und neue Strukturen daraus bauen.
Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, im Colorado war fast kein Sediment. Das zeigte sich, als die ersten neuen Sandbänke aufgebaut wurden und die Forscher damit überraschten, dass das grobe Gestein nicht, wie erwartet, unten in den Schichten lag, sondern oben - und das feine unten (Nature, 420, S. 356).
Das hielt nicht lange, die Erosion riss auch noch existierende Sandbänke in die Tiefe. Deshalb hat man den Zeitpunkt des Flutens diesmal anders gewählt. Das dem Fluss fehlende Sediment soll von seinen Nebenflüssen gebracht werden, und die führen jetzt Hochwasser: Letzten Sonntag wurden die Schleusentore geöffnet, drei Tagen bleiben sie offen und steigern allmählich den Durchfluss bis auf 1230 Kubikmeter pro Sekunde ist. Sie sollen 800.000 Tonnen Sediment in Bewegung bringen.
Nicht allen kommen die Wassermassen gelegen, man hat die Camper an den Ufern gewarnt und noch eine bedrohte Lebensform vorsorglich teilweise evakuiert, Oxyloma haydeni kanabensis. Das ist eine Schnecke, die in Feuchtgebieten lebt. Eines davon wird unter die Drei-Tages-Flut geraten, deshalb hat man 48 Quadratmeter ihres Habitats - Braunwuchsgewächse - händisch gepflückt und in Sicherheit gebracht.