Homo erectus, unser Ahn vor 1,8 Millionen Jahren, konnte noch keine elaborierte Sprache entwickeln.
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ommunikation gibt es quer durch die Tierwelt, Affen verständigen sich mit Lauten, und natürlich hat auch Homo erectus das getan", erklärt Jean-Jacques Hublin (Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig): "Aber das war wohl nur eine Protosprache, es ist höchst unwahrscheinlich, dass er eine elaborierte Sprache beherrschte. Die Bedingungen dafür hat erst der gemeinsame Ahn von Neandertaler und Homo sapiens entwickelt, vor etwa 500.000 Jahren."
Zur echten Sprache braucht es viel, ein großes Gehirn, eine eingespielte Muskulatur, einen tief sitzenden Kehlkopf. Zwar haben letzteren schon die Schimpansen, aber ihr Gehirn ist mit 500 Kubikzentimeter Volumen klein. Vergrößert hat es unter unseren Ahnen vor allem Homo erectus, mit dem sich vor 1,85 Millionen Jahren die Menschheit endgültig erhob. Er brachte es auf bis zu 1250 Kubikzentimeter, nicht viel weniger als der gemeinsame Ahn von Homo sapiens und Neandertaler, der es vor einer halben Million Jahre in einer zweiten Phase auf unsere heutigen 1500 Kubikzentimeter vergrößerte, Neandertaler hatten noch mehr.
"Aber es kommt nicht nur darauf an, wie groß das Gehirn wird, sondern vor allem darauf, wann es groß wird", erklärt Hublin: "Bei modernen Menschen und nur bei ihnen wächst es vor allem nach der Geburt. Dadurch wird das Gehirn in Auseinandersetzung mit der Umwelt und in Abstimmung mit der Gesichtsmuskulatur verschaltet und moduliert." Makaken-Affen etwa haben bei der Geburt schon 70 Prozent ihres ausgewachsenen Gehirns, Schimpansen haben 40 Prozent, wir haben 25, die sich im ersten Lebensjahr verdoppeln, erst mit zehn Jahren sind wir fast fertig, zu 95 Prozent.
Und Homo erectus? Man kennt einen Kinderschädel, den des 1,8 Millionen Jahre alten Mojokorto Child aus Java. Am Wachstumsmuster kann man ablesen, dass es etwa ein Jahr alt war. Es hatte schon 72 Prozent des erwachsenen Gehirns: "Dieses relative Wachstum entspricht viel mehr dem des Affen als dem des modernen Menschen", schließt Hublin (Nature, 431, S. 299).
Dieser Schluss ist natürlich nicht das Ende der Geschichte: Wie ist es zu dem spezifischen Entwicklungmuster des modernen Menschen gekommen, zum späten Gehirnwachstum (und zur stark ausgedehnten Kindheit überhaupt)? Die Evolution verfolgt keine Pläne - etwa hin zu gesteigerten geistigen Fähigkeiten -, sie entwickelt etwas zur Lösung eines Problems und nutzt es dann auch für andere Zwecke. Das Problem war offenbar der Energiehunger unseres Gehirns: "Gehirn ist ein teures Gewebe, bei Erwachsenen macht es zwei Prozent der Masse des Körpers aus, braucht aber 20 Prozent der Energie", erklärt Hublin, "bei Neugeborenen gar 50 Prozent." Jede werdende Mutter wäre überfordert, müsste sie 20 Prozent in ihr eigenes Gehirn investieren und noch einmal 20 Prozent in ein am Ende der Schwangerschaft schon großes Gehirn des Kindes. Deshalb wird die Investition auf längere Zeiträume verteilt, die Entwicklung von Sprache und anderen höheren Fähigkeiten kann das dann nutzen.
Aber auch diese Sparvariante muss man sich leisten können: Die Menschenkinder, die so unfertig zur Welt kommen, brauchen lange Betreuung - ihre Gesellschaft müssen Ressourcen-Überschuss haben -, und das Gehirn braucht Nahrung. Beides will eine Hypothese mit der Erschließung einer neuen Nahrungsquelle erklären: Fisch. Unsere Gehirne sind reichlich verfettet, ihr Strukturmaterial besteht zu 60 Prozent aus ungesättigten Fettsäuren, Omega-3 und Omega-6. Beide kann der Körper nicht synthetisieren, sie müssen mit der Nahrung aufgenommen werden. Zwar gib es sie auch in der Leber und im Gehirn von Landtieren, und zudem war Homo erectus auch Großwildjäger - er hat Wurfspeere erfunden -, aber etwa ein Ein-Tonnen-Nashorn hat ganze 350 Gramm Gehirn (Science, 296, S. 835).
Deshalb setzen manche auf Fische, die reich an den erforderlichen Fettsäuren sind. Aber Hublin, der eher eine allmähliche Erweiterung der Speisekarte vermutet, winkt bei dieser Revolution ab: "Bevor in großem Umfang Fisch gefangen werden konnte, musste erst einmal das Denken da sein."