Wie die Bildung einer Religion und eines Staats Hand in Hand gehen, zeigt sich bei den Zapoteken.
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uch Religionen fallen nicht vom Himmel, sie müssen ihre Glaubens sätze und Rituale erst einmal entwi ckeln und verfeinern. Das ist in allen bekannten Gesellschaften passiert - es gibt keine ohne Religion -, wenngleich das Bedürfnis danach nicht abschließend geklärt ist, sei es nun die Verlagerung der hienieden nicht erfüllbaren Wünsche in ein besseres Jenseits (Ludwig Feuerbach), sei es der Schutz vor der übermächtigen Natur (Sigmund Freud), sei es endlich die Heilung der Ursünde der Menschheit: Mit der Sprache kam laut Ray Rappoport auch die Möglichkeit der Lüge und damit des Bösen in die Welt, Religionen heilen das immer wieder, indem in ihren Ritualen das wahre und eindeutige Wort gesprochen wird. Dort verfestigt sich der Glaube (der Gläubigen) einer Gemeinschaft in die festen Glaubenssätze, das Heilige.
Rappoport hat diesen Mechanismus zeitgenössischen Religionen abgelesen, wie soll man Zugang zu früheren finden? Was die Gläubigen geglaubt haben, ist ebenso versunken wie - auch wenn etwas überliefert ist - die Bedeutung ihres "Heiligen". Geblieben ist von der Trias nur eins: das Ritual bzw. seine Orte. An ihnen haben Joyce Marcus und Kent Flannery (University of Michigan) erstmals die Entwicklung einer Religion nachgezeichnet, die der Zapoteken im frühen Mexiko (Pnas, 13. 12.). Vor 10.000 Jahren tauchen sie auf, als Jäger und Sammler, die allmählich auch Feldfrüchte domestizierten, Bohnen, Mais, Kürbisse. Das war zunächst zu wenig für dauerhafte größere Siedlungen, die Menschen lebten in der trockenen Saison verstreut in Kleinfamilien von zwei bis sechs Personen und fanden sich in der fruchtbaren Regenzeit zu größeren Gruppen von 25 bis 30 zusammen.
Wo sich die meisten fanden, entwickelte sich ein Ritual, etwa in Gheo-Shih Tal von Oaxaca, 400 Kilometer südlich des heutigen Mexiko City. Dort haben die Forscher einen 7000 Jahre alten "Tanzboden" ausgegraben, das war ein rechteckiger Platz - 20 mal sieben Meter -, gesäumt von Felsbrocken und Resten von Menschen, die enthauptet, gekocht und gegessen worden waren. Der Tanz war blutig im alten Mexiko, er fand zunächst nicht zu festen Zeiten statt, sondern dann, wenn viele sich zum Erntedank versammelt hatten, alle nahmen teil. Mit solchen "Ad-hoc-Ritualen" war es vor 3450 Jahren zu Ende, die Agrikultur erlaubte größere Siedlungen, erste Kultgebäude entstanden, "Männerhäuser". Sie waren am Stand der Sonne während der Sommersonnenwende orientiert und boten je einer Person Platz, die rituelle Kräuter wie Tabak kaute, bevor es ans blutige Geschäft ging.
Das war geblieben, aber nun offenbar nur noch ausgewählten Mitgliedern der Gemeinschaft zu festen Zeiten vorbehalten. Nach weiteren 500 Jahren war die Keimzelle des Staates der Zapoteken gebildet - die Stadt José Mogote mit 1000 Einwohnern -, erste Tempel wurden gebaut, ihre Macht ging über die Stadtmauern hinaus, auch unterworfene Nachbarn lieferten Opfergaben. Angenommen wurden die von Halbtagspriestern, die sich selbst nicht schonten, man findet Steinmesser zum rituellen Blutlassen: Diese Priester haben auch sich selbst geopfert.
Ihre Nachfolger vermutlich nicht mehr: Vor 2450 Jahren war der Zapotekenstaat fertig, die Tempel wurden größer - und das Blut floss in immer dickeren Strömen, die Opfer werden jetzt zu Hunderten auf Steinmonumenten gezeigt -, hauptamtliche Priester zogen ein. Und sie entwickelten ein ganz besonderes Ritual: Sie hatten zwei Kalender, einen für die Rituale - da hat das Jahr 260 Tage - und einen an der Sonne ausgerichteten mit 360 Tagen, auch die Azteken rechneten so. Und von ihnen weiß man, wie heilig die Zahl 52 ist: Alle 52 Jahre stimmen die beiden Kalender für einen Tag überein. Dann drohte der Weltuntergang, der nur dadurch abgewendet werden konnte, dass alle alten Feuer vernichtet wurden und neue angezündet: Man verbrannte die ganzen Tempel und baute neue. Vielleicht wussten auch schon die Zapoteken, dass Rituale von Zeit zu Zeit extreme Bestärkung brauchen.