Cousin-Hobbits: Zwergmenschen entdeckt

In Indonesien fand man die Überreste eines Zwergenmenschens, der zeitgleich mit unseren Vorfahren lebte, aber an Körper und Gehirn geschrumpft ist.

Wir haben die Reste von mindestens sieben Individuen in der Größe von Hobbits gefunden, die vor 12.000 Jahren bei einem Vulkanausbruch ums Leben gekommen sind. Und in regionalen Legenden ist die Rede davon, dass solche Hobbit-ähnlichen Kreaturen auf anderen Inseln fast bis in unsere Zeit lebten . . .", berichtet Bert Roberts, Archäologe der University of Wollongong, New South Wales, Australien, in Nature (431, S. 1055). Aber die mit den drei Pünktchen erzeugte Spannung bräuchte es gar nicht, es ist sensationell genug, was ein internationales Team in der Liang-Bua-Höhle auf der indonesischen Insel Flores ausgegraben hat: Ein neues Mitglied der Menschen-Familie, das in der gleichen Zeit lebte wie unsere Ahnen, Homo floresiensis.
Bisher kannte man nur einen solchen Cousin, den Neandertaler. Als man ihn vor fast hundert Jahren fand, 1856 in der Nähe von Düsseldorf, war er der erste andere Mensch überhaupt. Entsprechend fiel seine Begrüßung aus, nicht nur Kirche und Staat lehnten den Störenfried der gottgewollten Ordnung ab, auch die Wissenschaft wollte ihn nicht sehen. Rudolf Virwoch, die medizinische Kapazität seiner Zeit, beurteilte den Schädel als den eines Zeitgenossen mit Rachitis. Ganz Ähnliches drängt sich beim Anblick des Neuen auf: "Als ich die Fotos des Skeletts zum ersten Mal gesehen habe, habe ich reagiert, wie alle Anthropologen in so einem Fall reagieren", erklärt Christoph Zollikofer, Anthropologe in Zürich: "Mit dem Reflex: Das ist ein pathologischer Fall, ein missgestalteter Homo sapiens. Dann bin ich in unsere Schädelabteilung gerannt und habe verglichen: Es ist ohne Zweifel ein eigenständiger Mensch mit einer unglaublich archaischen Physiognomie."

Man möchte es kaum glauben: H. floresiensis ist ein Zwerg an Körper und Gehirn, er misst gerade einen Meter und hat ein Gehirn von 380 Kubikzentimetern, kaum mehr als ein Schimpanse, wir haben um die 1400. Aber er ist kein Affe, er ging aufrecht, er ist auch kein Pygmäe, bei ihnen ist nur der Körper klein, nicht das Gehirn. Er ist ein ganz später Erbe eines ganz frühen Menschen, Homo erectus. Mit ihm erhob sich die Menschheit, er trieb vor 1,8 Millionen Jahren in Afrika die Entwicklung des Gehirns und der Technik voran, ersann Werkzeuge, domestizierte vermutlich das Feuer. Und er war wanderlustig, vor 1,7 Millionen hatte er es bis nach Dmanisi im heutigen Georgien gebracht - er war der erste Europäer -, auf die Insel Flores kam er vor 800.000 Jahren, man weiß es von Steinwerkzeugen. Ihretwegen musste man das Bild von H. erectus korrigieren: Ihm hatte man eine eher schwache Intelligenz zugeschrieben, aber Flores ist eine Insel, die auch in den Eiszeiten nie trockenen Fußes zu erreichen war, es brauchte Schiffe und nautische Fähigkeiten.

Damals war H. erectus groß. In Afrika brachte er es auf 1,80 Meter, auch die Schädel aus Dmanisi - Zollikofer bearbeitet sie - haben mehr Gehalt: "Die von Flores und die von Dmanisi gleichen sich in der Form, aber Letztere haben das doppelte Hirnvolumen: Der auf Flores könnte ihr kleinerer Bruder sein", erklärt der Forscher und weist darauf hin, dass die absolute Größe eines Gehirns wenig über seine Leistungsfähigkeit sagt.

Warum ist dieser H. erectus so klein geworden, auch sein Gehirn ist geschrumpft? "Das ist ein ,island-dwarfing'", erläutert Peter Brown, Grabungsleiter in Flores. Auf Inseln herrschen andere Bedingungen, der Raum ist knapp, das Futter auch, oft gibt es keine Räuber. Viele Tiere reagieren auf diese Situation mit einer Änderung der Körpergröße, manche wachsen, andere schrumpfen, und das rasch: Auf Sizilien und Malta gab es Elefanten mit einer Schulterhöhe von einem Meter, 5000 Jahre zuvor waren sie noch mit vier Metern Höhe eingewandert.

Zwergelefanten mit einem Meter Schulterhöhe - Stegodons, eine inzwischen ausgestorbene Art - bevölkerten auch Flores, sie waren offenbar eine bevorzugte Beute der Zwergmenschen, die außerdem Fische, Schlangen, Vögel und Fledermäuse jagten. In einer Hinsicht waren sie Tiere wie alle anderen, sie blieben dem Gesetz des "island dwarfing" unterworfen wie die Elefanten - aber ihren Intellekt verkleinerten sie nicht: Zur Elefantenjagd braucht es Koordination. Und sie waren offenbar erfolgreich, sonst hätten sie sich nicht fast 800.000 Jahre gehalten. Dann verschwanden sie und die Elefanten unter Asche, vor 12.000 Jahren brach auf der Insel ein Vulkan aus.

Natürlich weiß niemand, ob sie an dieser Naturkatastrophe gestorben sind - oder an einer ganz anderen: In Afrika hatte sich H. erectus weiterentwickelt, vor 600.000 Jahren kam der gemeinsame Vorfahr von H. sapiens und Neandertaler, vor 160.000 Jahren endlich war er fertig, der moderne Mensch, wie wir ihn und uns gerne nennen. Dann wanderte auch er in alle Welt, vor 40.000 Jahren kam er nach Europa, früher schon, vor 45.000 Jahren war er in Papua-Neuguinea und Australien. Der Weg dorthin führt über Indonesien. Ob auch über Flores, ist unbekannt. Zwar finden sich in der 40 Meter langen Höhle auch 100.000 Jahre alte Steinwerkzeuge, die möglicherweise von Homo sapiens angefertigt wurden, aber sie könnten auch von H. erectus stammen.

Ungeklärt ist auch die Gretchenfrage der Anthropologie: Wie verhielten sich die späten Auswanderer, als sie auf ihre frühen Verwandten trafen? H. sapiens steht unter dringendem Verdacht, die Neandertaler - sie verschwanden vor 30.000 Jahren - schlicht totgeschlagen zu haben. Vielleicht erging es den Floresianern vor 12.000 Jahren ebenso. Wenn sie in Kontakt mit den anderen gekommen sind: "Diese beiden Menschen haben 20.000 Jahre in derselben Region gelebt, vielleicht sind sie sich begegnet, vielleicht nicht", hält Bert Roberts, University of Wollongong, die Frage offen. Für Brown ist ein Zusammentreffen eher unwahrscheinlich, Morwood hingegen ist "sicher, dass sie sich von Gesicht zu Gesicht begegnet sind."

Das können nur neue Funde klären, es gibt viele Inseln in Indonesien, und Zollikofer riskiert wenig mit einer Prognose: "Hunderte von Anthropologen werden loseilen."

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