Chirurgen wollen den nächsten Schritt wagen und komplette Gesichter verpflanzen.
I
m Science-Fiction-Thriller Face/Off ist es schon Realität - Nicolas Cage und John Travolta statten sich chirurgisch mit dem Gesicht des anderen aus -, bald soll es auch im wirklichen Leben gewagt werden: "Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo die Operation einfach gemacht werden sollte", schreibt eine Ärztegruppe um John Barker (University of Louisville) im American Journal of Bioethics: "Wir glauben, dass er jetzt gekommen ist."
Bei der Operation geht es um die Verpflanzung ganzer Gesichter - Haut, Muskeln, Nase, Lippen, Augenbrauen -, mit denen Menschen geholfen werden soll, die durch Verbrennungen oder Unfälle ihr eigenes Gesicht verloren haben. Operationstechnisch geht das, obgleich die Gesichtsmuskulatur hoch kompliziert ist und man alleine zum Lächeln 17 Muskeln koordinieren muss: Bei einem schauerlichen Unfall wurden 1994 einem Mädchen in Indien Gesicht und Kopfhaut weggerissen, Chirurgen konnten beides wieder annähen. Davon hat sich Barker inspirieren lassen, die Technik an Leichen geübt und im Jahr 2002 die Öffentlichkeit über die Pläne informiert.
Laien reagierten eher schockiert, auch die Fachwelt zeigte sich skeptisch, die Ethik-Kommissionen Frankreichs und Großbritanniens haben die Zustimmung verweigert. Das liegt zunächst einmal an technischen Unwägbarkeiten: Die Übertragung des Gesichts von einem Menschen auf den anderen ist etwas anderes als die Wiederherstellung des indischen Mädchens, das Immunsystem würde auf das Transplantat reagieren und es möglicherweise abstoßen. Aber Barker verweist darauf, dass die Entwicklung immunsuppressiver Medikamente weit genug ist und dass schon andere relativ große äußere Körperteile transplantiert wurden, Hände etwa, weltweit 24, zwei wurden abgestoßen. Kritiker - auch sie kommen im Journal for Bioethics zu Wort - halten diese Erfahrung für viel zu schmal und verweisen darauf, dass bei der Transplantation innerer Organe jedes fünfte abgestoßen wird. Die Befürworter räumen das Risiko ein und wollen sich deshalb nur Patienten widmen, denen noch nicht mit herkömmlichen Mitteln der plastischen Chirurgie Teile des Gesichts rekonstruiert wurden - auch sie gingen bei einer Abstoßung verloren.
"Es gibt nicht genug Grundlagenforschung darüber, ob es funktionieren wird", beharrt Medizin-Ethiker Arthur Caplan: "Und sie wissen nicht, was sie tun werden, wenn es nicht funktioniert" (Nature, 431, S. 389). Es sei alles erforscht, was man erforschen könne, entgegnet Barker, man müsse es jetzt einfach versuchen.
Aber das vermutlich schwerste Problem begänne erst, wenn eine Operation gelungen ist, schließlich käme das neue Gesicht, das da täglich im Spiegel zu sehen wäre, von einer Leiche. Und nicht nur den Patienten drohen seelische Nöte, auch Verwandten des Verstorbenen könnte das Gesicht irgendwo begegnen. Dem steht gegenüber, dass manche Gesichter etwa durch Verbrennungen so zerstört sind, dass auch 50 herkömmliche Operationen keine menschenwürdigen Züge rekonstruieren können.
Barker hat einen Antrag auf Zulassung in den Niederlanden gestellt und will auch in den USA einen einreichen.