Genetik: Milch, die Amme unserer Sprache

Das Gen für Laktose-Toleranz deutet auf die Quelle der indo-europäischen Sprachen: Russlands Steppen.

M
ehr als die Hälfte der erwachse nen Erdbevölkerung hat Proble me beim Verdauen von Milch, keine lebensbedrohlichen, aber unangenehme, Schwindel, Krämpfe, Blähungen. Ihr Körper kann den Zucker Laktose in der Milch nicht abbauen, besonders übel dran sind Afrikaner und Asiaten, besonders privilegiert Europäer. Ihnen hilft die Mutation des Gens für Laktase, das Enzym, das Laktose in der Milch abbaut. Bei allen Neugeborenen ist das Gen aktiv - Muttermilch mag jeder -, aber im Alter von zwei Jahren stellt es die Tätigkeit ein. Das mutierte Gen hingegen bleibt aktiv. Man geht deshalb davon aus, dass diese Mutation sich (erst) dann verbreitete, als die Menschen Nutztiere domestizierten und deren Milch tranken.

Domestiziert wurde zunächst im Nahen Osten, vor etwa 10.000 Jahren. Aber damals und dort entstand die Mutation noch nicht. Sie kam erst vor 6600 bis 4400 Jahren, und zwar in den Steppen Asiens, zwischen Ural und Wolga, eine finnische Genetikerin liest es aus Gen-Vergleichen heraus (Sciencenow, 5. 11.). Damit kommt auch Bewegung in eine ganz andere Debatte, in die nach dem Ursprung der Proto-Indo-Europäischen Sprache (PIE), deren 144 Nachfolger heute von Europa bis Indien gesprochen werden, unser "Bruder" heißt auf englisch "brother", auf Sanskrit "bhrater", im Lateinischen "frater" und im Griechischen "phrater".

Lange vermutete man, PIE sei vor 5500 Jahren mit den Kurgan gekommen, kriegerischen Nomaden aus den Steppen Asiens - zwischen Ural und Wolga -, die als Erste das Pferd domestizierten und auf seinem Rücken das idyllisch matriarchalische Europa überrannten (Science, 303, S. 1323). Das mit dem Matriarchat glaubte niemand, aber erst 1973 kam Konkurrenz zur "Kurgan-Hypothese": Die "Bauern-Verbreitungs-Hypothese" sah PIE vor 10.000 Jahren im Nahen Osten entstanden und von dort nach Europa eingesickert. Gestützt wurde das durch Zweifel daran, dass die Kurgan überhaupt Pferde domestiziert und das Reiten erlernt hatten, Knochen ihrer Pferde zeigen keine reitbedingten Deformationen. Andererseits enthält PIE Worte für Gegenstände, die es vor 10.000 Jahren noch nicht gab, etwa für Räder. Oder "HwlHn-", der Ahn der "Wolle": Zwar wurden Schafe vor 10.000 Jahren domestiziert, aber damals waren sie struppig und hatten kein spinnbares Vlies. Auch die Genetiker konnten nicht helfen, Luigi Cavalli-Sforza, ihr Doyen, las in den Siebzigern in den Genen eine große Einwanderung - von Menschen und damit PIE - aus dem Nahen Osten, andere sahen die Geschichte komplexer, irgendwann erwog auch Cavalli-Sforza eine zweite, spätere Einwanderung.

Dem widersprach - auf der linguistischen bzw. einer Misch-Ebene - eine Gruppe, die die Methoden der Gen-Stammbäume auf die Sprache anwandte und die Abtrennung des Gälischen vom restlichen Indo-Europäischen auf 5200 Jahre datierte, die Kurgan waren noch nicht da. Und die Hochrechnung des Alters von PIE ergab 10.000 Jahre: Herkunft aus Nahost. Aber entwickeln sich Sprachen, Worte wie Organismen, Gene? Nichts spricht dafür. Und nun weist die Milch wieder zu den Kurgan. Oder auf einen Kompromiss: Sie kamen über den Nahen Osten. Dort könnten sie PIE übernommen, weiterentwickelt - etwa mit "Rad" bereichert - und noch einmal nach Europa gebracht haben, wo frühere Auswanderer aus Nahost die alte Version schon sprachen.

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