Psychologie: Verkehrstote als Terrorfolge

Im geplagten Israel steigen drei Tage nach Anschlägen die Unfälle.

Welche Folgen das Erlebnis großer Gewalt für nicht unmittelbar Betroffene und für ganze Populationen hat, ist kaum erforscht. Man hat versucht, den posttraumatischen Stress in den USA nach 9/11 zu erheben, man hat Menschen befragt, die in Luftschutzkellern ausharrten, aber das Meiste war methodisch so schlecht angelegt, dass es laut US-Akademie der Wissenschaften "hastig zusammengeschusterten journalistischen Berichten" gleicht und keinen wissenschaftlichen Anspruch erheben kann.

Aber woher soll man kontrollierte Erfahrung nehmen, man kann ja nicht mit Bomben experimentieren? Soziologen der Universität Jerusalem haben der Not ihres Landes - "dauernd mit Terror konfrontiert, gut organisiert im Umgang mit Krieg" - etwas Positives abgewonnen und den psychosozialen Stress der Gesellschaft messbar gemacht: an den Verkehrsunfällen. Am Tag drei nach einem Anschlag zeigt sich ein Rückgang des Verkehrsaufkommens, aber ein starker Anstieg der ganz leichten (Blechschäden) und der ganz schweren Unfälle (Tote), die mittelschweren bleiben konstant.

Zuvor sinkt die Zahl der leichten Unfälle, das könnte mit vermehrter Polizeipräsenz zu tun haben, liegt aber vermutlich eher daran, dass viele nicht gemeldet werden, das kleine Unglück ist angesichts des großen zu läppisch. Die Zahl der tödlichen Unfälle bleibt die ersten zwei Tage konstant, dann schnellt sie nach oben, obwohl (oder weil?) weniger Verkehr auf den Straßen herrscht.

Möglicherweise schlägt die normierte Einbindung in die gemeinsame Trauer am Tag drei in erhöhte Aggressivität um, möglicherweise ist es aber auch etwas ganz anderes: "terrorinduzierter Selbstmord" (Pnas, 20. 9.). Einen ähnlichen 3-Tages-Abstand kennt man von "imitativen Selbstmorden" - sie folgen in der Wahl der Mittel einem, über den breit berichtet wurde - und von Morden, die sich nach Boxkämpfen häufen.

Für Selbstmord mit dem Auto spricht, dass sich die mittelschweren Unfälle nicht häufen. Überprüfen lässt sich diese Hypothese in Israel nicht, es gibt keine Selbstmorddaten, die Toten kämen sonst nicht in geweihte Erde. Ab Tag vier und fünf ist alles wieder normal, auf Israels Straßen.

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