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Michel Reimon, Fundi 2.0

Porträt. Der Burgenländer steht vor dem Sprung ins EU-Parlament, weil er die Anforderungen der grünen Parteibasis erfüllt: Er führt die Tradition der aktionistischen Gründergeneration fort.

Wien. Wäre es nach der Parteispitze gegangen, Michel Reimon hätte kaum Chancen auf ein Mandat im Europa-Parlament gehabt. Eigentlich hätte Alexander Van der Bellen die Grünen in die EU-Wahl führen sollen, gemeinsam mit Ulrike Lunacek. Doch es kam ganz anders. Der 70-jährige Professor wollte nicht, Lunacek wurde Spitzenkandidatin, und im Wetteifern um Platz zwei setzte sich mit Reimon ein außerhalb des Nachrichtenportals Twitter weitgehend unbekannter Burgenländer durch.

Überraschenderweise. Und auch wieder nicht. Denn Reimon verkörpert den modernen Linksaktivisten, nach dem sich die grüne Basis gesehnt hat: globalisierungs- und kapitalismuskritisch, gebildet, internetaffin, empörungsbegabt und mit einem aktionistischen Zug ausgestattet, der an die Gründergeneration der Partei erinnert.

Im Februar organisierte der 42-Jährige eine Menschenkette um das Parlament – als Protest gegen die Schweigepolitik im Fall Hypo Alpe Adria. Er gründet gern Initiativen („Männer für ein eigenständiges Frauenministerium“) und liebt die Provokation. In einer Rede vor dem burgenländischen Landtag, dem er von 2010 bis Ende 2013 angehörte, gab er einmal das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ zum Besten. Vergleichbares hat es im Eisenstädter Landhaus noch nie gegeben.

Daneben gibt es auch den intellektuellen Michel Reimon, der sich in Themen verbeißen und komplexe Sachverhalte erklären könne, wie ihn ein Parteifreund beschreibt. Schriftlich jedenfalls, denn das freie Reden sei lange Zeit seine Schwäche gewesen. Wobei er sich mittlerweile stark verbessert habe.

Reimon, der Informatik und Organisationsentwicklung studiert hat, kommt aus dem Printjournalismus. Nach der Matura war er Kriegsberichterstatter in Bosnien und Kroatien, später wechselte er ins Sachbuchgenre. Am Montag, inmitten des EU-Wahlkampfs, erscheint sein jüngstes Opus mit dem Titel „Supermarkt Europa“, das er gemeinsam mit Robert Misik verfasst hat.

Attac-Mitbegründer Christian Felber, der vor zehn Jahren das „Schwarzbuch Privatisierung“ mit ihm herausgebracht hat, beschreibt Reimon als „Freigeist, der keinem Lager zuordenbar ist“. Dass er sich einmal bei den Grünen engagieren wird, sei damals nicht absehbar gewesen. Der Partei werde das jedenfalls guttun, meint Felber.


SPÖ-näher als Eugen Freund?

Wo er sich ideologisch selbst einordnen würde? Wirtschaftspolitisch sei er mehr Sozialdemokrat als Eugen Freund, sagt Reimon. Aus dieser Ecke kommt er auch. In den Neunzigerjahren arbeitete er für die „BF“, die Parteizeitung der SPÖ Burgenland. Allerdings nicht lange. Nach einem kritischen Bericht über eine Militärübung im Burgenland ordnete der heeresaffine Karl Stix umgehend Reimons Kündigung an. Die Erklärung dazu kam vom Pressesprecher des Landeshauptmanns, einem gewissen Norbert Darabos.

Reimon entfremdete sich zusehends von der SPÖ, die ihm zu autoritär und gesellschaftspolitisch nicht authentisch genug erschien. 2004 heuerte er als Pressesprecher bei den Grünen an, um Jahre später in die erste Reihe vorzurücken. Vor der Burgenland-Wahl 2010 sprang er kurzfristig als Spitzenkandidat ein und verteidigte ein Mandat.

Doch in der Landespolitik kam er nie richtig an. Statt auf Sportplätzen und bei Zeltfesten um Stimmen zu werben, betrat er im Web 2.0 die Makroebene. „Mich interessieren die großen Zusammenhänge“, sagt Reimon. Europa. Die Großkonzerne. Ihr „ungesunder Einfluss auf die Demokratie“. In seinem Blog lässt er kaum ein Thema unkommentiert. Dazwischen drückt er sich in weniger Zeichen aus. Auf Twitter ist Reimon fast rund um die Uhr anzutreffen. Wahrscheinlich führt er deshalb das Ranking der Politiker mit über 10.700 Followern an.

Ein vergleichbares Publikum hatte er als Landtagsabgeordneter nur ein Mal: Als sich die SPÖ Burgenland im Vorjahr weigerte, fünf Kinder aus dem Flüchtlingslager Traiskirchen zu holen, nannte Reimon das eine „rechte Orschlochpolitik“. Die SPÖ reagierte mit einem empörten Brief an Eva Glawischnig, in dem sie Reimons cholerische Verfehlungen im Landtag auflistete, unter anderem das Delikt „Tür-Zuknallen“. Die Grünen-Chefin blieb ziemlich unbeeindruckt.

Seinen Vornamen hat Reimon übrigens seiner Mutter zu verdanken, einem Beatles-Fan. Michel ist eine Abwandlung aus dem Song „Michelle“. Reimon wiederum kommt von Reimann. Die Kombination aus Michel und Reimon mutet also französischer an, als sie ist, und war für den Namensträger durchaus prägend: „Eines können Sie mir glauben: Wer im Burgenland mit so einem Namen aufwächst, lernt sich durchzusetzen.“ Auch in Europa? Man wird sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2014)