Heuschrecken: Wie gefährlich ist Mr. Hyde?

Während aus Afrika neue Horrormeldungen kommen, wachsen die Zweifel am Einsatz der Chemie.

Es ist wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde, nur wechselt bei dieser Verwandlung der Name nicht: Schistocerca gregaria, die Wüstenheuschrecke, ist ein unauffälliges graues Insekt, das Gesellschaft meidet, nur nächtens fliegt und kaum Schäden anrichtet. Und Schistocerca gregaria ist ein erst rotes und dann gelb-schwarzes Insekt, das sich zu Milliarden zusammentut, bei Tage schwärmt und alles frisst, was grün ist. Dass beide von einer Art sind, weiß man erst seit 1921, zu verschieden sind Gestalt und Verhaltensweise, auch viele Gene stellen ihre Aktivitäten um, man hat es gerade an einer anderen Heuschrecke analysiert, Locusta migratoria, die periodisch in China haust (Pnas, 6. 12.).

Was dabei vor sich geht, kann man in der Natur nur selten studieren, die großen Plagen kommen nicht allzu häufig, die vorletzte begann 1986 und endete 1989, die letzte begann diesen Sommer, von Mauretanien stiegen die Schwärme auf und machten sich auf den Weg in den Sahel. Jetzt kommen sie zurück, die große Schlacht wird in Marokko ausgetragen. Sie geht nicht nur zwischen Mensch und Insekt, auch in der Forschung streitet man darüber, ob - und wo - es sinnvoll ist, zur chemischen Keule zu greifen.

Die kommt, wie die Heuschrecken selbst, in zwei Wellen. Die Tiere legen ihre Eier in nassen Sand - es muss geregnet haben, damit beginnt alles -, die schlüpfenden Jungen haben noch keine Flügel, sie heißen "Hüpfer" und machen sich in breiten Bändern auf den Weg durch die Wüste. Wenn man sie dabei sichtet, legt man chemische Sperrgürtel. Das wirkt, aber man findet nicht alle, die Wüsten sind groß. Und eines Morgens erheben sich die Myriaden zugleich in die Luft und fliegen los, mit 20 Kilometern pro Stunde, bis zu 130 Kilometer am Tag. So rasch und so weit kommen sie aus eigener Kraft, aber mit Hilfe des Windes haben sie es auch schon von Nordafrika in die Karibik gebracht, 5000 Kilometer. Was dann den Himmel verdunkelt, kann Hunderte Quadratkilometer groß sein und 80 Millionen Individuen pro Quadratkilometer enthalten. Der Rest ist schlichte Mathematik: Eine Heuschrecke frisst pro Tag so viel, wie sie wiegt, um die zwei Gramm, eine Tonne Heuschrecken frisst so viel wie zehn Elefanten, 25 Kamele oder 2500 Menschen, bedroht sind 20 Prozent der Erde.

Ist der Rest schlichte Mathematik? "Die Heuschrecken sind nicht so schlimm wie ihr Ruf", erklärt Philip Simons, früher einer ihrer Bekämpfer, nun im Ruhestand: "Den haben sie nur vom Buch ,Exodus' in der Bibel" (Science, 306, S. 1880). "Mit höchster Wahrscheinlichkeit haben sie während der letzten 150 Jahre keine Hungersnöte verursacht", ergänzt die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), auch sie in vorderster Abwehrfront. Sie hat ein Frühwarnsystem entwickelt, das dieses Jahr geholfen hat, ein Überspringen der Schwärme von Afrika nach Asien zu verhindern. Der Kampf gegen die Schrecken und ihre bisweilen übersteigerte Wahrnehmung geht zusammen, viele sehen die Schwärme heute eher wie Wirbelstürme, die ganze Regionen ruinieren können. Mehr aber nicht: 1986 waren in den hauptbetroffenen Ländern Afrikas drei Prozent der Ernten bedroht, zwei Prozent konnten gerettet werden, sie waren 46 Millionen Dollar wert.

Aber der Preis war hoch, in Geld 40 Millionen, in Umwelt- und Gesundheitskosten nicht bezifferbar, die Gifte sind auch für Mensch und Nutztier nicht gesund, wenn man sie - in der zweiten Phase - in die fliegende Schwärme spritzt. Man muss sie aufspüren, solange sie am Boden sind, man sucht nach Mitteln, die die Verwandlung von Jekyll in Hyde verhindern. Aber haben die klassischen Gifte nicht 1989 dem Spuk ein Ende bereitet? Selbst das wird bezweifelt, vielleicht war es nur der Wind - er trug die Schwärme auf den Atlantik -, wie schon einmal, 2. Mose 10, 19: "Da wendete der Herr den Wind, der warf die Heuschrecken ins Schilfmeer, dass nicht eine übrig blieb."

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