Rodet man die Ufer, verändern Bäche Morphologie und Funktion: Sie halten weniger Stickstoff zurück.
Was soll es schon den Lauf der Welt beeinflussen, ob man die Ufer irgendeines Bachs hoch oben im Gebirge entwaldet, um sie der Nutzung, etwa als Viehtränke oder Wiese, zugänglich zu machen? "Bei den Einzugsgebieten der meisten Ströme machen kleine bis mittlere Gewässer über 90 Prozent der Gesamtlänge aus", erinnern US-Forscher und zeigen, dass auch und gerade das Kleinvieh Mist macht beziehungsweise eben keinen: "An ihnen hängt es, wie viel Nährstoffe und Gifte am Ende in die Meere kommen" (Pnas, 13. 9.).
Bringen sie etwa zu viele Nährstoffe, entstehen großflächige "Todeszonen" wie allsommerlich eine im Golf von Mexiko, in der Algen- und anschließende Bakterienblüten auf einem Viertel der Fläche Österreichs all jenes Leben ersticken, das nicht rasch genug wegschwimmen kann. Zwar ist gerade ein Streit darüber ausgebrochen, ob das an zu viel Stickstoff oder zu viel Phosphor liegt. Aber fest steht, dass beides mit dem Mississippi von weit herkommt und menschlichen Ursprungs ist, der Stickstoff kommt vor allem aus der Landwirtschaft, der Phosphor aus Industrie und Abwasser.
Und zumindest beim Stickstoff spielt die Entwaldung der Bäche mit: Die Forscher haben je 100 Meter lange Abschnitte von 16 Bächen im Einzugsgebiet eines Flusses in Neu-England auf alles und jedes vermessen und Unterschiede vor allem bei der Stickstoff-Aufnahme gefunden: Bewaldete Abschnitte halten zwei- bis zehnmal soviel zurück. Das liegt an ihrer anderen Morphologie, die wieder anderem Leben Raum geben: Bewaldete Flüsse sind breiter, in ihnen fließt das Wasser langsamer, die Rauigkeit der Sohle ist erhöht. Das schafft die unterschiedlichsten Lebenszonen, die von einer breiten Palette von Kleingetier - Würmern und Käfern etwa - besiedelt werden.
Holzt man hingegen die Ufer ab, rücken sie dem Bach näher auf den Leib: Zum einen kommt nicht so viel Material, das die Ufer angreift - Äste etc. -, zum anderen befestigt das Gras, das sich anstelle des Waldes ausbreitet, die Ufer besser. Das war bisher eine Streitfrage - es gab auch gegenteilige Befunde (Nature, 388, S. 328) -, für das analysierte Gebiet ist sie entschieden. Entwaldete Bäche werden enger, fließen rascher, sind ärmer an Kleingetier (aber nicht an Fischen) und nehmen weniger Stickstoff auf (aber gleich viel Phosphor). Zudem kann die Entwaldung einen Vorteil nicht ausspielen: Der Abbau von Giften, vor allem von Pestiziden, geht bei ihnen nicht rascher, obwohl diese Chemikalien vor allem unter Sonnenlicht zerfallen. Im beschatteten Waldbach springen dafür Mikroorganismen dafür ein.
"Unsere Befunde unterschätzen die Vorteile der Bewaldung", ergänzen die Forscher: "Wir haben die bewaldeten Strecken nur mit solchen unbewaldeten verglichen, die nicht ökonomisch genutzt sind", also keinen zusätzlichen Dünger- oder Pestizid-Eintrag bringen. Und bevor man zum Zwecke der ökonomischen Nutzung rodet, solle man die Gegenrechnung aufmachen: die "Umweltdienste" bewaldeter Ufer beziffern.
Die Forscher hüten sich vor monetären Quantifizierungen, aber sie bringen nach langen Jahren ein Schlüsselwort wieder in die Debatte: "ecosystem services". Das ist der Ausdruck all dessen in Geld, was eine funktionierende Umwelt unbezahlt leistet - vom sauberen Wasser über die reine Luft bis hin zur Erhaltung von Gen-Reserven. 1997 kam eine Schätzung auf die erdweite Summe von 16 bis 54 Billionen Dollar (Nature, 387, S. 253). Das vereinte Nationalprodukt aller Staaten lag damals bei 18 Billionen.