Die meisten Pflanzen, die sich von Vögeln bestäuben lassen, blühen rot. Warum, scheint nun geklärt.
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ot ist die einzige Farbe des Spek trums, die einerseits für die meisten Insekten unscheinbar (inconspicu ous) ist und andererseits Vögeln exzellent eine hohe Kalorien-Belohnung signalisiert", schrieb 1972 der Biologe Peter Raven. Das wurde von seinen Lesern bald dahin vereinfacht, dass die Farbe Rot für Insekten "unsichtbar" sei, ein altes Mysterium schien geklärt: Viele Pflanzen, die sich von Vögeln wie Kolibris bestäuben lassen, kleiden ihre Blüten rot, um der Aufmerksamkeit von Insekten zu entgehen, vor allem der von Bienen. Denn diese Pflanzen produzieren viel mehr Nektar als insektenbestäubte, Bienen könnten aus dem Vollem schöpfen, ohne ihre Gegenleistung zu erbringen: unabsichtlich Pollen mitzunehmen.
Das klingt plausibel, hat nur den Schönheitsfehler, dass Bienen durchaus rot sehen können und auch rote Blüten anfliegen. Kommen sie in zu großer Zahl, vertreiben sie gar die Vögel, von Wildprets Natternkopf (Echium wildpretti) etwa, einer Blume auf Teneriffa, die nur früh im Jahr von Vögeln angeflogen wird, dann kommen die Bienen. Ist es also umgekehrt, sticht rot den Vögeln besonders ins Auge? Auch das stimmt nur bedingt, zwar ist das Vogelauge im Rotbereich besonders empfindlich, aber es sieht auch anderes. Und von Natur her bevorzugen Kolibris Rot auch nicht, Versuche mit künstlichen Blumen zeigen es: Die Vögel lassen sich auf jede Farbe konditionieren.
Deshalb soll nun eine ökologische Theorie einspringen, in die ein doch vorhandener Unterschied des Sehvermögens eingeht: Bienen nehmen Rot zwar wahr - es hat eine Wellenlänge von 650 Nanometer (nm) -, aber sie haben dafür keinen besonderen Rezeptor, sie sehen es mit dem für 540 nm. Das ist der für Grün, die Tiere müssen den Unterschied aus der Farbintensität herausrechnen - sie sehen rote Blüten vor grünem Hintergrund schlecht -, das ist aufwendig.
Hier kommt die Theorie der "Habitat-Selektion" ins Spiel, die die optimale Strategie im Gedankenexperiment durchspielt: Man stelle sich zwei Sammler vor - Bienen und Vögel - und zwei Quellen, rote und blaue Blüten, die sich nur in der Farbe unterscheiden. Dann wird die relative Schwäche der Bienen die Vögel allmählich zu den roten Blüten treiben. Die Bienen erkennen die blauen einfacher, sie holen den Nektar, die Vögel weichen aus. Sie gehen nicht dem Rot nach - sie würden dorthin gehen, auch wenn sie die Farbe nicht erkennen könnten, sie weichen dem Blau aus (Plos, 12. 10.), weil dort die Konkurrenz zu groß ist und die Nektar-Vorräte rasch leert.
Bienen hingegen gehen selbst dann zu roten Blüten, wenn deren Nektar schon von Vögeln getrunken oder unerreichbar ist, manche Blüten-Morphologie lässt nur Schnäbel dorthin: Anders als Vögel sammeln Bienen auch Pollen.