Medizin: Die Rückkehr der Egel

Die alten Helfer der Medizin haben eine Renaissance: Osteoarthrose- Patienten fühlen weniger Schmerz.

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in Euro 70 kostet einer im Versand, größere Mengen kommen günstiger, man kann sie per Post beziehen, aber an "sehr heißen und sehr kalten Tagen" empfiehlt sich ein Spezialdienst, der rasch liefert: Alle Blutegel sind temperaturempfindlich, auch der in der Medizin seit Jahrtausenden eingesetzte Hirudo Medicinalis, Ägypter und Sumerer nutzten ihn, der indische Gott Dhanvantari hält einen in der Hand, manche vermuten sogar, die Natter des Äskulap sei in Wahrheit ein Egel. Wie auch immer, Mitte des 19. Jahrhunderts ließ man gegen alles und jedes Blut saugen, vom Kopfweh bis zu Hämorrhoiden, allein London verbrauchte sieben Millionen Egel im Jahr. Und den dortigen Ärzten gab man der Einfachheit halber gleich den Namen ihrer wichtigsten Helfer: "leeches".

Das brachte die Egel-Populationen in Europa an den Rand des Aussterbens, gerettet wurden sie von der modernen Medizin, die keinen Bedarf mehr hatte für die bis zu 20 Zentimeter langen Ringelwürmer, die sich mit drei Kiefern und 80 Zähnen in die Haut hineinraspeln, eine halbe Stunde saugen oder auch eine ganze und davon zwei Jahre lang leben können.

Wiederentdeckt wurden sie in den 60er-Jahren von Chirurgen, die an feinen Blutgefäßen arbeiten: Arterien, die das Blut bringen, sind einfacher zu verbinden als Venen, die das Blut abtransportieren. Wird es aber nicht abtransportiert, leidet das umliegende Gewebe, deshalb sorgt man für künstliche Abfuhr: 80 Prozent der plastischen Chirurgen Englands haben in den letzten fünf Jahren Egel eingesetzt (Nature, 432, S. 10).

Aber allein für diese Nische würde man sie nicht züchten, allerorten in Europa, allein in Deutschland lassen sich pro Jahr 70.000 Patienten Egel setzen, viele auf Knie, die sich im Alter vor Osteoarthrose bzw. deren Schmerz kaum rühren lassen. Dass Egel helfen, ging so lange als Gerücht durch die Ärztepraxen, bis Andreas Michelsen und Gustav Dobos (Klinik Essen) es experimentell prüften, so gut man das eben prüfen kann. Sie setzten Patienten Egel und fragten dann ihr Befinden ab. "Bei allen zeigte sich eine sofortige Milderung der Schmerzen, am effektivsten in den ersten 24 Stunden, aber auch noch nach vier Wochen" (Annals of Internal Medicine, 139, S. 724).

Bei der Kontrollgruppe linderte sich nichts, aber sie ist natürlich ein Problem der Studie: Die Vergleichbarkeit ist beschränkt, man kann keine nicht saugenden Egel setzen, die Kontrollgruppe erhielt eine entzündungshemmende Creme. "Es könnte einen verstärkenden Placebo-Effekt geben", konzediert Michalsen: "Aber der ist vermutlich nicht für den Effekt selbst verantwortlich."

Was dann? Blutegel nehmen nicht nur, sie geben auch, haben in ihrer Spucke einen breiten Chemie-Cocktail, Entzündungshemmer, Blutverflüssiger - Hirudin vor allem, man hat es vor über hundert Jahren identifiziert -, wahrscheinlich auch Analgetika. Was gegen Osteoarthrose hilft, ist nicht geklärt, das liegt auch daran, dass man über die Krankheit selbst wenig weiß.

Und wohin mit dem Egel nach der Kur, er muss erst einmal verdauen? Auch daran denkt der Versandhandel. Es gibt spezielle Aquarien, zu bestellen, wie die Egel selbst, nur von Ärzten und Apothekern.

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