Physik: "Raketenabwehr ist nicht brauchbar!"

Die US-Physiker kritisieren auch die jüngste "Star-Wars"-Variante.

Keines der vorliegenden Konzepte ist in der absehbaren Zukunft für die Verteidigung der 50 Staaten gegen Raketen mit Festtreibstoff brauchbar." So bündig urteilt die American Physical Society (APS) über die jüngsten Pläne von Regierung und Militär, das Land der 50 Staaten, die USA, vor Angriffen mit Langstreckenraketen durch Nordkorea oder den Iran zu schützen: Das Projekt heißt "boost phase intercept systems" und soll Raketen kurz nach dem Start mit Gegen-Raketen zerstören, Präsident Bush will 1995 fünf Milliarden Dollar investieren, Gegenkandidat Kerry hat keine substanziellen Bedenken erkennen lassen.

Wer auch immer gewählt wird, auf die Expertise der Physiker - 40.000 sind in der APS - hört in den USA schon lange keiner mehr, das Militär träumt vom undurchdringlichen High-tech-Schutzschild für das ganze Land, die Regierungen folgen, unter Ronald Reagan bekam das Kind seinen Namen, "Star Wars": Mit Hochleistungslasern auf Satelliten sollten anfliegende Raketen abgeschossen werden. Die APS rechnete es durch - physikalisch, nicht finanziell - und hielt es für undurchführbar, aber daran scheiterte es nicht, sondern am Geld, die Pläne moderten in den Schubladen.

Unter Bush senior standen sie wieder auf, nun wollte man anfliegende Raketen mitten im Flug mit eigenen Raketen ("kill vehicles") rammen, so wie man im Golfkrieg irakische Raketen abgeschossen habe. Die APS recherchierte nach - im Golfkrieg war kaum etwas getroffen worden - und wies auf das zentrale Problem dieser Idee hin: Der Angreifer müsse nur eine ganze Raketen-Schar losschicken, eine "echte" und viele, die nur so aussehen.

Zudem schlugen Tests fehl, das Pentagon lancierte eine neue Patentlösung - eben die "boost phase intercept systems" - und präsentierte auch die Gegner, gegen die man sich so wappnen könne und müsse, die "Schurkenstaaten", Iran, Nordkorea. Aber wenn man Raketen treffen will, solange sie auf Touren gebracht werden - später ist es sinnlos, weil ihre Sprengköpfe auf ihrer Bahn bleiben -, geht es um Sekunden: Flüssiger Brennstoff ist in vier Minuten aufgebraucht, fester in drei. Bis man einen Abschuss entdeckt, vergehen 45 bis 65 Sekunden, dann müsste man noch entscheiden. Trotzdem hält die APS - "unter optimistischen Annahmen" - eine solche Abwehr gegen das heutige Nordkorea für technisch machbar, in zehn bis 15 Jahren. Gegen den Iran würde sie schon heute nichts helfen, das Land ist größer als Nordkorea, es könnte Raketen irgendwo in der Landesmitte abschießen, wo weit und breit keine US-Abwehrraketen stationiert sind - vor Nordkorea könnte man Schiffe parken. Und in beiden Fällen geht es um den heutigen Stand, Nordkorea und der Iran haben nur "langsame" Raketen mit Flüssigtreibstoff. Festtreibstoff werden sie erst in 10, 15 Jahren haben: Wenn die Abwehr stehen könnte, würde sie nichts mehr helfen.

Zudem gibt es ein Nebenproblem: Auch bei getroffenen Raketen würde ihre Ladung - ob nun atomar, biologisch oder chemisch - weiterfliegen, und zwar nicht am Ziel, aber irgendwo herabkommen. "Shortfall" heißt das, es könnte "befreundete" Staaten treffen - in Europa -, warnt die APS, es könnte China oder Russland treffen und an einen Angriff glauben lassen. Mobilisieren sie ihre Arsenale, gibt es keinerlei Abwehr.

INTERNET 

www.aps.org

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