Medizin: Bakterien machen fett

Die Gemeinschaft von Darm und Darmbakterien ist der westlichen Ernährung nicht gewachsen.

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ie Erde verfettet, 500 Millionen Menschen sind übergewichtig, 64 Prozent aller US-Amerikaner sind es, der oberste Amtsarzt der USA hat das Fett zur größten Herausforderung des Gesundheitssystems erklärt, die Medizin-Journale warnen regelmäßig vor der "Verfettungs-Epidemie". Die Metapher trifft nur halb, ansteckend ist das Leiden nicht, aber es breitet sich so rasant aus wie sonst nur Epidemien. Und zwar überall dort, wo der westliche Lebensstil Einzug hält.

Den will niemand ändern, deshalb wirft die Pharmaindustrie Milliarden an die Forschungsfront - kein Markt wäre lukrativer -, von dort kommen im Wochenabstand die Erfolgsberichte. Endlich sei das entscheidende Hormon oder Enzym beziehungsweise das dafür zuständige Gen gefunden, im Mäuseversuch wirke es Wunder. Die Liste ist lang, die Namen sind eindrucksvoll - Leptin, ChREBP, PPAR-Delta etc. -, und an Mäusen wirkt es tatsächlich Wunder, an Menschen bisher noch nicht.

Deshalb wendet sich eine Ärztegruppe dem zweiten großen Spieler bei der Nahrungsverwertung zu, den Bakterien in unserem Darm. Wenn wir zur Welt kommen, haben wir - wie alle anderen Säugetiere auch - keine Bakterien in uns, sie besiedeln uns erst, in gewaltigen Zahlen: Wir haben zehn Mal soviel Bakterien im Darm wie Zellen im Körper, natürlich sind sie viel kleiner, vom Gewicht her summieren sie sich auf ein Kilo. Und sie wohnen nicht einfach da, sie sind "kommensal", speisen mit uns am Tisch, kauen vor, was wir selbst sonst nicht verdauen könnten, pflanzliche Polysaccharide etwa. Zudem beeinflussen sie nicht nur die Speise, sondern auch die Darmwand, sie aktivieren Gene, die für eine bessere Durchblutung und eine stärkere Immunabwehr gegen unangenehme Bakterien sorgen.

An Mäusen kann man zuschauen, vor 50 Jahren hat man keimfreie Tiere produziert - durch Kaiserschnitt -, seitdem hält man sie unter sterilen Bedingungen. Lässt man sie doch von Bakterien besiedeln, legen sie in 14 Tagen 60 Prozent Körperfett zu, obgleich sie weniger fressen (Pnas, 26. 10.). Das kommt von den Polysacchariden bzw. von dem Monosacchariden, zu denen die Bakterien sie klein arbeiten. Sie lösen im Körper eine Molekülkaskade aus, die dafür sorgt, dass mehr Fett eingelagert wird.

Das hat gute evolutionäre Gründe, nicht immer war der Tisch so reich gedeckt wie heute in westlichen Gesellschaften, der Körper musste einlagern, wenn etwas da war. Dem Überangebot sind die "Kommensalen" einfach nicht gewachsen. Ob man gegen das Fett die Darmbakterien-Gesellschaften verändern soll, verraten die Forscher nicht.

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