Seit 130 Jahren versucht man vergeblich, die Zeichen der einst größten Kultur der Erde zu deuten.
"Wer eine einzige Inschrift mit mindestens 50 Symbolen findet, die in quasi-zufälligen Mustern geordnet sind, wie wir sie in wirklicher Schrift kennen, erhält von mir 10.000 Dollar", erklärte kürzlich Steve Farmer: "Aber ich bin sicher, dass sich nie jemand dieses Geld verdienen wird." Farmer ist ein Selbst-Made-Forscher mit abenteuerlichem Leben und rauhen Sitten, der von ihm ausgeschriebene Preis ist seine bisher letzte Provokation all derer, die davon überzeugt sind, die Indus-Kultur habe eine Schrift gehabt so wie ihre Gegenstücke in Mesopotamien und Ägypten vor 4000 Jahren.
Erste Spuren dieser Kultur fanden sich ab 1870, aber erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigte sich die Größe dieses Reichs, es war zu seiner Zeit das größte von allen - umfasste das heutige Indien und Pakistan -, und es war technisch auf hohem Stand. Die Qualität seiner Bewässerungssysteme wurde erst von den Römern wieder erreicht, im ganzen Reich gab es standardisierte Gewichte, transportiert wurde mit Karren mit Rädern. Aber vieles fehlt, es gibt keine Monumentalbauten oder Tempel, nicht einmal Verteidigungsanlagen, auch keine dreidimensionalen Kulturen und keine klaren sozialen Schichten. Zudem war der Kontakt mit den anderen Großreichen einseitig: Zwar findet man Lapislazuli aus Asien in Mesopotamien und Ägypten, in die Gegenrichtung scheint aber nichts gegangen zu sein. Auch der Untergang dieses Reichs ist ein Rätsel, um 1700 v. Chr. verschwand es, man weiß nicht, warum.
Unter seiner Hinterlassenschaft finden sich Tontäfelchen und Siegel mit eingeritzten Symbolen, seit 130 Jahren versucht man vergeblich, sie zu entziffern, im Jahr 2002 rief Farmer auf einem Kongress dazu auf, die Mühe zu beenden: Es sei überhaupt keine Schrift. Ergebnis waren Tumulte auf dem Kongress und Todesdrohungen aus Indien, die Frage ist hochpolitisch, Nationalisten der Hindutva-Bewegung - sie will aus Indien einen hinduistischen Staat machen - ziehen aus der alten Schrift ihr Selbstbewusstsein und wollen sich das nicht von einem Amerikaner nehmen lassen.
Drohungen erhält der immer noch, aber in seiner Zunft hat er Verbündete gewonnen, die "Schrift" ist zu eigenartig: Nicht einmal die Zahl der Zeichen steht fest - die Schätzungen liegen zwischen 20 und 700 -, und ihre Folgen sind extrem kurz, die längste besteht aus 17 Zeichen, weniger als ein Prozent kommen auf über elf Zeichen, im Durchschnitt haben sie 4,6. Zudem taucht die Hälfte der Zeichen - wenn man von einer Zeichenzahl von 700 ausgeht - nur einmal auf, und auch die für eine Schrift typische Wiederholung vieler Zeichen fehlt. Im Englischen etwa füllt das "E" zwölf Prozent alles Geschriebenen, auf den Indus-Täfelchen gibt es Vergleichbares nicht (Science, 306, S. 2026).
Farmer hält die Zeichen deshalb für Symbole mit nichtlinguistischer Bedeutung, die magischen Zwecken dienten und einzelnen Familien oder Göttern zugeschrieben wurden. Ein ähnliches Zeichensystem gab es 4000 Jahre v. Chr. auch im südlichen Europa. Aber kann man ein Großreich ohne Schrift zusammenhalten, ohne die Gewichte über tausende von Kilometern zu standardisieren? Farmer hält das für möglich, er verweist auch auf die eigenartigen Fundorte der Täfelchen, sie lagen auf Müllkippen - "wie wenn man heute eine gebrauchte Kreditkarte wegwirft" -, nicht etwa in Häusern oder auf Markplätzen. Zudem hat er noch einen Affront gegen die Hindutva-Bewegung: Nach seiner Interpretation gab es gar keine landesweite Indus-Kultur, sondern verschiedene Zeichen am oberen und unteren Indus.