Change-Management, poetisch: Beate Winklers Erfahrungsbericht

Es ist ein ungewöhnliches Buch, das die Gründerin der EU-Grundrechte-Agentur, Beate Winkler, geschrieben hat: ein Hybrid aus Erfahrungsbericht, Lebenshilfe, Autobiografie und Kunstbuch. „Es ist etwas in mir, das nach Veränderung ruft“ oder: Change-Management, poetisch.

Einfacher wäre es gewesen, im gewohnten Modus weiterzutun. Mehr von demselben, mehr vom Akklamierten zu verrichten. Sich in denselben Netzwerken zu bewegen. An demselben Thema dranzubleiben. Die altbekannten Methoden anzuwenden. Doch dann meldete sich bei Beate Winkler eine irritierende, sie schreibt „flirrende“ Stimme, die sie auffordert, Veränderung bewusst zu suchen. Oder besser: sich auf die über sie hereinbrechende Gelegenheit unerschrocken einzulassen, ohne recht zu wissen, wohin sie das bringen wird. Einfach so, von einem Tag auf den anderen, mit 59Jahren umdrehen und gehen. Weil sie irgendwo in sich die Sehnsucht verspürt hat – von der Stéphane Hessel in dem Vorwort zum Buch schreibt –, „das zu leben, was noch darauf wartet, von mir gelebt zu werden“.

Nachdem sich an einem Tag gleich mehrere Zukunftsperspektiven für eine Karriere nach ihrem Engagement in der EU aufgelöst hatten – Winkler hatte sich eine „schlechte Zeit für die Krise ausgesucht“ – und buchstäblich ein Stein das Ganze ins Rollen brachte, wurde sie zur Malerin. Und zur Autorin des Buches „Es ist etwas in mir, das nach Veränderung ruft“.

Als erste Frau in der Geschichte der Europäischen Union hatte die Juristin eine unabhängige Agentur, die frühere Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und nunmehrige EU-Grundrechte-Agentur, gegründet, im Jahr 2000 offiziell eröffnet und neun Jahre lang geleitet. Mit Geschick und Leidenschaft setzte sie sich gegen Widerstände und Intrigen durch, Integration, Migration und Rassismus waren unbequeme, der Verwaltung oft lästige Themen, für die sie sich erst einmal Gehör verschaffen musste.

Schon wegen dieser bekannten politischen Rolle der Autorin im Menschenrechtsbereich ist dieses Buch bemerkenswert, denn es ist ganz bewusst subjektiv, auf eine außerordentliche Art persönlich, ohne jedoch Konflikte und Abgründe im Detail auszubreiten. Genau diese Darstellungsweise macht das unorthodoxe Sachbuch nur noch gültiger für die Allgemeinheit und hebt es weit über das Biografische hinaus. Den Veränderungsprozess beschreibt Winkler nicht linear, sondern in Phasen, Schüben, in zirkularen, aber auch ruckartigen Bewegungen; diese finden im Formalen eine konsequente Entsprechung. Hybrid ist das Wesen dieses Buches, das über einen Zeitraum von fünf Jahren diskontinuierlich gewachsen ist und mehrere Lesarten zulässt.

Die Kapitel werden von Winklers Bildern begrenzt, begleitet von poetischen Texten, die zum Teil von ihr selbst, zum Teil aus dem lyrischen Kanon stammen. Sie stehen hinter beziehungsweise neben den abstrakten, atmosphärischen Malereien, die in der Situation ihres persönlichen Change-Managements immer wieder unterstützend gewirkt haben: „Die Malerei schenkt mir eine Öffnung in tiefere, manchmal kaum fassbare Dimensionen und einen anderen Zugang zu meinem Leben.“

Zwischen die um Veränderung, Alter, Ängste, Schwellen und Chancen kreisenden Reflexionen der Autorin schieben sich mehrere kurze Geschichten, die in einem märchenhaften Erzählton vorgetragen sind und in der Tradition von Fabeln und Allegorien stehen. Zur Illustration des jeweiligen Themas beginnen diese beispielhaften Texte „mit einem Problem, dann tritt ein unerwartetes Ereignis ein, und die Situation verändert sich“. Das liest sich übertragbar auf das Berufs- und Privatleben; die kurzen Exkurse über den personifizierten Verstand, über das Wesen der Verlorenheit oder über den Verlust der Neugier – sie sind ebenso lebensklug wie wissend und heiter.

Immer wieder mischt sich ein ganz anderer Ton in das vielstimmige Werk, ein lakonischer. Mitunter neigt die Selbstbespiegelung dann zur Selbstironie. „Ohne Ersatzdroge hatte ich mich selbst in einen ,kalten Berufsentzug‘ begeben“, so Winkler in Kenntnis der Abhängigkeit der meisten Menschen vom Beruf und der damit verbundenen Anerkennung. Was passiert aber, wenn der Bereich der Arbeit wegfällt? Und was, wenn man mit 60 noch einmal neue Ziele sucht?

Durch ihre lange Arbeit in Problembereichen und im Management auf nationaler wie internationaler Ebene konnte sich Winkler bei der Neuorientierung etwas leichter bewegen. Das Wissen um die Automatik von Angst und Abwehrhaltung bewahrte sie allerdings nicht immer davor. Doch die Neugier überwog – Winkler war „mit Fragen unterwegs“. Sie richtete diese auch an Weggefährten und Freunde, deren Veränderungen groß und einschneidend waren, vor allem aber eine Lehre.

So bilden die Interviews, die Winkler mit André Heller, Cecily Corti, Rita Süssmuth, Marianne Koch oder Erhard Busek geführt hat, einen Kern des Buches, weil sie belegen, dass Veränderung Lebensmut und Selbstkritik braucht, aber einen immer wachsen lässt. Und es braucht viel Stille, viel Zeit, viel Geduld. Selbst das spiegelt sich in diesem Buch der Veränderung wider: Beate Winkler schreitet langsam die Bedeutung ihrer Worte aus, die Sätze hasten nicht, sie fließen dahin. Bedeutung erlangt die Veränderung auch durch den Akt der bewussten textlichen Wiederholung. ■

Beate Winkler

Es ist etwas in mir, das nach Veränderung ruft

Der Sehnsucht folgen. Mit einem Vorwort von Stéphane Hessel. 218 S., geb., €20,60 (Kösel Verlag, München)