David Letterman, der ungekrönte König der Late-Night-Show, kündigte seinen Rückzug an. Mit ihm und seinem ewigen Rivalen Jay Leno geht eine TV-Ära zu Ende.
Mehr als 30 Jahre war der Schreibtisch sein Arbeitsplatz – nur dass er seit 1992 auf der Bühne des Ed-Sullivan-Theaters am Broadway stand, und dass ihm wochentags Abend für Abend ein paar Millionen Amerikaner bei der Arbeit zusahen, die sich zu mitternächtlicher Stunde noch ein wenig über die Witze des Tages und die Top-Ten-Liste amüsieren wollten. Und so wählte David Letterman, der längst dienende Late-Night-Show-Moderator – bewunderte Ikone für Generationen von Komikern und gewissermaßen selbst ein TV-Dinosaurier, dessen Ursprünge als Stand-up-Comedian in die 1970er-Jahre zurückreichen –, diesen Schreibtisch, um seinen Ruhestand anzukündigen. Nächstes Jahr, mit 68, sei Schluss, teilte er dem Publikum ohne jede Larmoyanz mit.
Das geschah ganz beiläufig, ein süffisantes, spitzbübisches Lächeln huschte über sein Gesicht – und man vermeinte darin einen kleinen Triumph über seinen einstigen Freund, Kollegen und ewigen Konkurrenten Jay Leno herauszulesen, für den erst vor wenigen Wochen die letzte Klappe in den NBC-Studios der „Tonight“-Show im kalifornischen Burbank gefallen war. Der 62-Jährige wich dem aufstrebenden Jimmy Fallon.
Zwei Jahrzehnte waren Leno und Letterman einander in herzlicher Rivalität zugetan – der eine in Los Angeles, der andere in New York, wo sie die beiden Pole der Entertainmentbranche in den USA personifizierten. Verkörperte Leno den leicht weichgespülten Humor und den Common Sense des Durchschnittsamerikaners, so entfaltete Letterman mit seinen bissigen, zynischen, sarkastischen, ja schrägen Facetten eine Magie für eine intellektuelle Minderheit – was sich in den Quoten widerspiegelte. Letterman avancierte aber zum preisgekrönten Darling der Kritiker, der auch einmal die Oscar-Show moderierte – was allerdings eher zum Flop geriet. Sein Witz war eben nie ganz mehrheitsfähig.
Der „Late-Show-Krieg“
Leno oder Letterman: Die Frage polarisierte das Land. Als der allseits verehrte Johnny Carson 1991 von der Showbühne abtrat, favorisierte er seinen „Kronprinz“ Letterman. Die Wahl der NBC-Mächtigen fiel indessen auf Leno, woraufhin Letterman zum Konkurrenzsender CBS zog. Bill Carter, der Medienreporter der „New York Times“, subsumierte das Duell in seinem Buch „The War on Late Night“. Zur publicityträchtigen Versöhnung kam es erst in einem TV-Spot während des Football-Superbowl vor einigen Jahren, als die beiden – zusammen mit Oprah Winfrey – als „Couch-Potatoes“ vereint waren.
Einer schlagzeilenträchtigen Kontroverse – wie solch legendären mit Winfrey oder Sarah Palin – ging Letterman nie aus dem Weg. Seine Gäste lieferten „historische“ TV-Momente: als Madonna ihm ihren Slip darreichte, Drew Barrymore einen Strip auf dem Schreibtisch hinlegte oder Joaquin Phoenix minutenlang vor sich hinschwieg. Politiker wie Mitt Romney oder Chris Christie machten sich für ihn zu Deppen, nur Präsident Obama behandelte er mit Glacéhandschuhen.
In seiner Show sparte der respektlose Gastgeber seine privaten Ups und peinlichen Downs nicht aus: seine Hochzeit, die Bypassoperation, eine Stalkingaffäre und nicht zuletzt eine Erpressung wegen seiner Sexaffären. Nachdem New York infolge des 9/11-Terrors tagelang in Trauer versunken war, ging Letterman als Erster wieder auf Sendung, ohne als Witzekönig aufzutrumpfen.
Sein Abschied signalisiert den Generationenwechsel, der längst im Gang ist. Die Jimmy Fallons und Jimmy Kimmels haben inzwischen das Sagen, in einer eingeschworenen Fangemeinde genießen Jon Stewart und Stephen Colbert Kultcharakter – und Letzterer könnte auch Lettermans Nachfolge antreten, irgendwann im nächsten Jahr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2014)