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"Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen." Wer dirigiert Bach?

HARNONCOURT
HARNONCOURT(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
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Am Sonntag dirigiert Nikolaus Harnoncourt im Musikverein die "Matthäus-Passion". Kommende Saison ist dasselbe Werk unter der Leitung von Philippe Jordan im Konzerthaus avisiert. Auseinandersetzungen gab es stets.

Philippe Jordan, demnächst Chefdirigent der Wiener Symphoniker, kündigt für seine erste Saison gleich zwei Aufführungen der „Matthäuspassion“ an. Er traut sich was! Bach, mit einem romantischen Symphonieorchester, mit der Singakademie noch dazu, die nicht einmal mit Knabensopranen, sondern mit echten Damen bestückt ist...

Interpreten von Musik, die älter ist als 150 Jahre, droht ja längst die Originalklang-Sittenkommission. Eine kurze Übergangsfrist für Werke von Beethoven bis Wagner und Bruckner wurde noch eingeräumt.

Aber Bach?

Wer an die reiche Aufführungstradition anknüpfen möchte – nicht in den protestantischen Hochburgen, sondern auch in Landen, wo noch eine dunkle Erinnerung an einstige katholische Prägungen waltet, der muss sich auf geharnischte Kritik einstellen. Gut, dass es noch Künstler gibt, denen das offenbar egal ist!

Immerhin: Heute Abend gibt es noch eine „Matthäus-Passion“ unter Nikolaus Harnoncourt im Musikverein. Der Seelenfrieden der Klangwächter bleibt also gewahrt.

Dabei erinnere ich mich noch gut, die aufregendste Wiedergabe der „großen Passion“ gelang dem österreichischen Barock-Capo Anfang der Achtzigerjahre im Konzerthaus – am Pult des sonst eher für Mahler-Wiedergaben gerühmten Concertgebouw Orchesters. Hätte Teldec doch diese Wiener Aufführung mitgeschnitten und nicht das weit weniger gelungene Heimspiel in Amsterdam. Das wäre ein Dokument!

Auch ein Mitschnitt der „Johannes-Passion“ vom Jahr davor aus dem Musikverein wäre ein Desideratum – der stürmische Einsatz zur Tenor-Arie im Ausklang des ersten Teils galt damals geradezu als Signal für den Anbruch einer neuen Bach-Zeit: die Landnahme des Concentus Musicus.

Wer in den Jahren davor in Wien zum Musikfreund sozialisiert worden war, hatte ja wirklich so etwas wie eine Bach-Tradition erlebt. Wenn er Bach sagte, musste er auch Richter sagen. Karl Richter. Der präsentierte die Passionen alternierend zum liturgisch richtigen Zeitpunkt. Ihn hatte man bereits als Erneuerer gefeiert, erinnerte sich aber gern an den Krieg der primi uomini, der Anfang der Fünfzigerjahre zum Bruch zwischen der Gesellschaft der Musikfreunde und dem unangefochten begehrtesten Dirigenten, Wilhelm Furtwängler geführt hatte.


Karajan gegen Furtwängler.
Furtwänglers Brief an Gottfried von Einem verrät viel über verletzte Eitelkeit: „Über das Ergebnis meiner Affaire mit der Gesellschaft dürfen Sie beruhigt sein. Der ,Bruch‘ ist vollzogen und solange dieselben Leute am Ruder sind nicht mehr reparierbar.“ Zum Bach-Jahr 1950 hatte der Musikverein Aufführungen der Hohen Messe und der „Matthäus-Passion“ vorbereitet – Furtwängler sollte die Passion leiten, Herbert von Karajan die Messe. Furtwängler winkte ab – Karajan, den der ältere Kollege hasste, übernahm beide. Nach erfolgter Einstudierung in legendären Probensitzungen mit dem Singverein überlegte es sich Furtwängler; aber da war's zu spät. Die Philharmoniker entschieden sich zwar für den großen alten Mann, der Chor aber blieb – lebenslänglich (!) – auf Karajans Seite.

Heraus kamen für das Wiener Musikleben höchst fruchtbare „Dialoge“: Furtwängler dirigierte die „MatthäusPassion“ 1952 und 1954 – im Konzerthaus. Letztere Aufführung war besonders spannend, denn wenige Monate zuvor hatte Karajan das Werk wieder einstudiert – im Musikverein: Was der große Chor des Singvereins leistete, macht diesen Abend allein schon unvergesslich,“ urteilte der Rezensent.

Karajan feierte man damals als den Meister des schlanken, schlicht: modernen Bach. 1977 musste sich derselbe Dirigent vom Rezensenten der „Welt“ sagen lassen, seine „Matthäuspassion“ anlässlich der Osterfestspiele Salzburg käme „in Pantoffeln“ daher und sei „durchweg von keinem Stilwillen angekränkelt“. Es war das Jahr, in dem Karl Richter letztmals die österliche Passion im Musikverein dirigierte. Eine neue Zeit war angebrochen. Ein anderer Bach „modern“ geworden.

STilfragen?

John Eliot Gardinerdirigiert den Eingangschor der „MatthäusPassion“ in 6 Minuten und 57 Sekunden.

Otto Klemperer nimmt sich dafür auf der legendären EMI-Einspielung 11:47 Minuten Zeit.

Herbert von Karajanbraucht für dieselbe Musik 9:21 Minuten.

Wilhelm Furtwänglerwar 1954 um beinah 50 Sekunden rascher als der „Intimfeind“.

Bei Karl Richterdauerte es 9:52.

Paul McCreesh hält den Rekord mit 6:05.

Peter Schreier und der traditionsreiche Kreuzchor: 7:50.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2014)