Alman und Avusturyali

Deutsche, Österreicher und Schweizer wurden unter dem Sammelbegriff Deutsche subsumiert – und das ist gar nicht so lange her. Aber nun sind die Australier aufgetaucht.

Dietmar Krug hat die Beine in die Hand genommen. Dietmar ist ja ein Wanderer, aber nicht so, dass man ihn sich jetzt mit einem Laib Brot in einem kleinen weißen Beutel vorstellen muss, zu Fuß unterwegs nach, ich weiß nicht, Mecklenburg-Vorpommern, sondern so ein Buchstabenwanderer. Dank Dietmar Krug hat man ja an dieser Stelle immer etwas Neues entdeckt über die Beziehung zwischen Deutschen und Österreichern. Nun aber wandert Dietmar buchstabenmäßig weiter, und endlich kann ich jetzt auch einmal schulmeistern, quasi ofenfrisch aus der Parallelgesellschaft.

Wir im Westen. Meine wichtigste Lektion von Dietmar Krug: Die Beziehung zwischen Deutschen und Österreichern ist nicht immer eitel Wonne. Als Kind Vorarlbergs kriegst du diese Scharmützel ja nicht mit, weil wir im Westen mit Süddeutschland und der Schweiz immer schon unter einer Decke gesteckt haben. Und als Migrantenkind kennst du dich erst recht nicht aus.

Vermutlich, weil die türkische Emigration sehr stark an Deutschland orientiert war, wurde früher das Wort „Deutscher“ (Alman) im Türkischen synonym für Deutsche, Österreicher und Schweizer verwendet. Das verfolgt einen bis in den Schlaf, sag ich nur. Früher habe ich geglaubt, wir leben in Deutschland, und wenn wir später in ferner Zukunft irgendwann einmal integriert sind, dann sind wir Deutsche. Natürlich, da sind laufend Merkwürdigkeiten aufgetaucht, etwa, dass manche Alman mit D-Mark und andere mit Schilling gezahlt haben, aber als Kind ist Währung ja nicht dein primäres Interessengebiet. Für mein Kind-Ich hat das Alman-Konzept die meiste Zeit Sinn gehabt, sprach man doch in diesen Ländern dieselbe Sprache, die ich selbst noch nicht konnte. Sogar Mimi, diese pelzige Gans im Fernsehen, plauderte interessanterweise auf Deutsch. Von dem angemalten Mann gar nicht zu sprechen, der immer in den Laden gestürmt ist und alle in helle Aufregung versetzt hat (Clown Enrico). Und du verpasst die ganze Action, weil du kein Wort verstehst. Dramatisch war das.

Heute weiß ich, dass ich viel eher einer sprechenden Gans begegnen werde, als in Österreich eine Deutsche zu werden. Und die Währungsfrage wurde inzwischen auch gelöst.

Feinfühliger. Irgendwann hat also auch die türkische Community die Umgebung feinfühliger wahrgenommen, wie es auch umgekehrt passiert ist. Als man gewusst hat, man bleibt. Deswegen ist man ein Avusturyali (Österreicher) geworden, aber leider ist sofort das nächste Problem aufgekreuzt, nämlich, dass jetzt alle mit Avustralyali dahergekommen sind, und zwar mit ihren albernen Kängurus und Korallenriffs, frage nicht.

duygu.oezkan@diepresse.com

diepresse.com/diesetuerken

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2014)

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