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"Negerkonglomerat" und mehr Prost mit einem Glas Zweigelt!

Keine Angst: Wer in der Großen Mohrengasse wohnt, muss seine Adresse nicht wechseln. Bis auf Weiteres jedenfalls.

Auf einmal ist sie wieder hochaktuell geworden, die sprachliche Political Correctness. Sie war es immer, wurde aber nach Meinung vieler (nicht aller, wie man hört) durch Andreas Mölzer zu Recht aufs Neue in die Schlagzeilen gerückt. Er hat den Ausdruck „Negerkonglomerat“ verwendet. Somit hat er auch für jene, die das Wort „Konglomerat“ vielleicht nicht verstehen, aber doch genau wissen, dass man „Neger“ nicht sagen darf, eine Sünde wider den Geist begangen. Wider den Zeitgeist.

Dieser verbietet, wie wir wissen, die Verwendung von Wörtern, die einst keineswegs ungebräuchlich waren, aber heute von einem politischen Hautgout umlagert sind. Man sagt sie nicht. Noch unziemlicher sind Namen, die an böse Zeiten erinnern. Ferry Dusika, österreichischer Radweltmeister von Gnaden und 1984 verstorben, hat nicht mehr erlebt, dass man seine NS-Vergangenheit ausgegraben und weidlich diskutiert hat. Dabei ist nach dem Krieg sogar ein Wiener Radstadion nach ihm benannt worden.

Aber was ist dies alles, verglichen mit einem Problem, das freilich ein urösterreichisches ist und daher nicht in dem Megabestseller „Der neue Tugendterror“ von Thilo Sarrazin enthalten sein kann. Er befasst sich nur mit Problemen der deutschen sprachlichen Korrektheit. Das urösterreichische, das ich meine, und das sich auf die Vergangenheit eines allzeit anerkannten, gewissermaßen populären Mannes bezieht, ist eines, das (urösterreichisch in der Tat) einen Rotwein betrifft. Den berühmten Zweigelt.


Nicht genannt soll er werden, der Fritz Zweigelt. Aber müssen wir wirklich „Rotburger“ sagen? Müssen nicht, aber sollen. Denn Dr. Fritz Zweigelt ist illegaler Nationalsozialist gewesen. Wie Wikipedia verrät (gewiss, dieses Online-Lexikon ist keine Bibel), war er nach der Zwangspensionierung seines Vorgängers 1938 Direktor der Weinbauschule Klosterneuburg. Zwar hat er nach 1945 – immer laut Wikipedia – seine 1943 verliehene Dozentur an der Hochschule für Bodenkultur verloren, aber das hinderte nicht daran, in der Nachkriegszeit die von ihm ursprünglich „Rotburger“ genannte Rebsorte auf „Zweigelt“ umzutaufen.

Er hat ja seine politischen Sünden vor und in der Nazi-Zeit bereut. Und folgerichtig wurde 2002 ein Dr.-Zweigelt-Preis für prämierte österreichische Weine geschaffen. Mit Porträtmedaille. Kein Mensch hat (vernünftigerweise, wie man meinen sollte) etwas dagegen gehabt. Der Zweigelt ist eben ein beliebter Rotwein. Etliche wollen ihn umtaufen. Er wird den Namen behalten. Bis...

Ja, bis ein österreichischer Sarrazin auf die Idee kommen sollte, ähnliche Auswüchse der Political Correctness aufzuzeigen, wie es der deutsche Autor offenbar erfolgreich getan hat, seinem Verkaufserfolg nach jedenfalls. Andererseits: Gilt nicht hierzulande das (mutierte) Lueger-Motto „Wer a Nazi war, bestimm i'“? Da müssen wir nicht gleich an Karajan denken. Die Reihe ist lang. Und was die politische Korrektheit als solche betrifft, wäre gleichfalls etliches nachzufragen.

Haben jene recht, die von Hysterie reden, weil Jean Genets Stück „Die Neger“ bei den heurigen Wiener Festwochen inszeniert werden soll? Und andererseits jene, die sich allen Ernstes darüber erregten, dass eine Buchstabenverschiebung im Wort „Regen“ in einer Schule als Aufgabe gestellt wurde? Es ist ja – fürwahr! – auch das Wort „Neger“ vorgekommen. Müssen die Bewohner der Großen oder der Kleinen Mohrengasse ihre Adresse ändern?

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2014)