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Bach ist groß - und Harnoncourt sein Prophet

(c) ORF (Roman Zach-Kiesling)
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Die "Matthäuspassion" im Zyklus des Concentus musicus, luxuriös besetzt und tiefgründig.

Bei Bach, man weiß es, erreichen sie den Gipfel: Eine eingeschworene Gemeinde bilden Concentus musicus, der Arnold Schoenberg Chor – die auswendig singenden Sängerknaben nicht zu vergessen. Wenn die „Matthäuspassion“ auf dem Programm steht, strömt das Publikum spürbar festlich gestimmt in den goldenen Musikvereinssaal. Die Erwartungen sind aufs Höchstmaß geschraubt – und werden nicht enttäuscht. Was am Samstagabend erklang, war tatsächlich von singulärem Zuschnitt.

Nikolaus Harnoncourts Beherrschung der Riesenarchitektur dieses Werks ist von jener Souveränität, die einen Abend lang in keinem Moment irgendwelche Fragen aufkeimen lässt. Tempi stehen beispielsweise nicht zur Diskussion. Es gibt, genau genommen, gar keine! Die Musik strömt, so fühlt man, sozusagen naturgemäß aus dem Bibeltext und den erbaulichen Kommentaren, als wäre die Sprache erfunden worden, um immer nur von diesen Klängen transportiert zu werden. Nicht nur, dass Bach jede kleinste Nuance in harmonische oder melodische Floskeln umzusetzen wusste, er suggeriert vor allem den kontemplativen Sinn, der hinter alledem steht. Und Harnoncourts Getreue erfüllen ihre Aufgaben auf Punkt und Komma, pardon: Sechzehntelnote und Bindebogen.

Mag sein, manche Spielanweisung ist in all den Jahren der Vervollkommnung schon ein wenig zur Manier erstarrt. Die Streicherverbrämung der Christusworte ist kein tönender „Heiligenschein“ mehr, sondern setzt, messerscharf artikuliert, dramaturgische Akzente. Auch, dass der Schoenberg Chor den einen oder anderen Ausbruch des Volkszorns in butterweichem Legato hinhaucht, könnte als geschmäcklerisch gelten.

 

Zur Rechten die Kommentatoren

Doch sind das kleinliche Randglossen angesichts der Konzentration, des gesammelten Ernstes, die hier herrschen – auch bei den Solisten, die gegenüber den meisten Wiedergaben dieser Komposition verdoppelt auf dem Podium erscheinen. Harnoncourt besteht auf die konsequente Umsetzung der Doppelchörigkeit. Da mag „Chor I“ einen noch so grandiosen Gambisten zur Verfügung haben, wenn eine Nummer dem zweiten Chor zugedacht ist, übernimmt den Gambenpart das dortige Solocello...

Rechter Hand agierten an diesem Abend quasi die „von außen“ kommentierenden Beobachter des Geschehens, mit der weich timbrierten Martina Janková, Elisabeth von Magnus, Gerald Finley und dem schlank artikulierenden Mauro Peter, der das Kunststück zuwege brachte, mit seinen Tenorarien neben dem schlicht sensationell vielschichtig und expressiv singenden Evangelisten Michael Schades bestehen zu können, dem Sonderapplaus gebührt wie dem profunden Christus von Florian Boesch.

Die Hauptlast tragen nebst diesen beiden Atouts die Solisten „römisch eins“, die Christine Schäfer anführte. Bernarda Fink setzt mit ebenso bewegenden wie mustergültig artikulierten Soli die Glanzlichter auf. Exzellent auch der geschmeidige Bass Christian Immlers, der von Judas zum Petrus, vom Pontifex zum Pilatus mutierte und dem nicht einmal in der kräfteraubenden Arie des Joseph von Arimathia zuletzt angesichts endloser Phrasen die Luft auszugehen drohte.

An solchen Abenden hört wohl jeder im Saal, auch, wer „das Christentum völlig verlernt“ haben mag, wie einst Friedrich Nietzsche, die Musik „wie ein Evangelium“. Die längste Musik wirkt kurz wie ein Augenblick, weil die Zeit stillzustehen scheint, vielleicht, um uns eine Ahnung von Ewigkeit zu vermitteln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2014)