Pistorius sagt aus: "Ich wache auf und rieche Blut"

Oscar Pistorius sagt in Pretoria aus.
Oscar Pistorius sagt in Pretoria aus.(c) APA/EPA/THEMA HADEBE / POOL (THEMA HADEBE / POOL)
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Mit tränenerstickter Stimme begann Pistorius seine Aussage mit einer Entschuldigung. Die Verteidigung will das Image ihres Mandanten zurechtrücken.

Es war der Moment, auf den alle Prozess-Beobachter gewartet haben. Als Verteidiger Barry Roux Oscar Pistorius in den Zeugenstand rief, ging ein leichtes Raunen durch den Gerichtssaal. Der südafrikanische Sprinter sagte am Montag selbst im Gerichtssaal im südafrikanischen Pretoria aus. Und er begann mit einer emotionalen Entschuldigung. Mit tränenerstickter Stimme bat er Reeva Steenkamps Familie und Freunde um Verzeihung für die "Tragödie". Er versicherte: "Als sie (Reeva Steenkamp, Anm.) zu Bett ging, fühlte sie sich geliebt".

Die Ereignisse der Tatnacht selbst blieben am Montag unbeachtet. Pistorius' Anwalt Barry Roux befragte seinen Mandanten vor allem über seine Kindheit, seine Karriere, seinen Glauben und seine Erfahrung mit Kriminalität und Drogen. Auch sein Leben mit den Prothesen war am Montag Thema. Roux beantragte eine Vertagung des Prozesses auf den nächsten Tag, da Pistorius sehr müde und überanstrengt sei. Richterin Thokozile Masipa kam Pistorius damit entgegen. Am Dienstag (9.30 Uhr) soll die Befragung fortgesetzt werden.

Pistorius hat in der Nacht auf den 14. Februar 2013 seine Freundin, das Model Reeva Steenkamp, erschossen. Der "Blade-Runner" - Pistorius' Unterschenkel wurden in seiner Kindheit amputiert - beteuert aber, sich geirrt zu haben. Er hätte geglaubt, auf einen Einbrecher geschossen zu haben. Die Anklage unter Staatsanwalt Gerrie Nel glaubt jedoch an gezielten Mord. In dieser Kernfrage des Prozesses wird der Aussage des Angeklagten große Bedeutung zugemessen.

Pistorius nimmt Antidepressiva

Pistorius berichtete zu Beginn seiner Aussage über seinen aktuellen Gesundheitszustand. Er habe schreckliche Albträume und nehme Antidepressiva seit dem Vorfall. "Ich wache auf und rieche Blut." Sein Anwalt, Barry Roux, stellte danach einige Fragen zu Pistorius' Kindheit. Seine Stimme ist brüchig, jedoch erfängt sich Pistorius mehr und mehr, als er von seiner Familie und seiner Schulzeit erzählt. Seine Mutter hätte ihn immer gelehrt, für sich selbst einzustehen. Gelegentlich sei er in der Schule wegen seiner Behinderung gehänselt worden.

Seine Mutter sei sehr ängstlich gewesen: "Wir wuchsen in einer Familie auf, in der mein Vater nur selten da war, oftmals bekam sie nachts Angst und rief die Polizei." Unter ihrem Polster habe sie stets eine Pistole versteckt, sagte Pistorius - während seines Prozesses hatten Freunde ihn selbst als rasch aufbrausenden Waffenfanatiker geschildert. Als Pistorius 15 Jahre alt war, starb seine Mutter. "Als sie starb, kam das für uns sehr unerwartet, niemand sagte uns, dass sie krank war - und als sie es uns endlich sagten, lag sie schon im Koma", sagte der 27-Jährige.

Während Pistorius selbst in den Live-Bildern aus dem Gerichtssaal nicht gezeigt wurde, sah man auf Zwischenschnitten immer wieder Familienangehörige des Sportlers, die sich Tränen aus dem Gesicht wischen.

Wenig Balance ohne Prothesen

Ob er ohne Prothesen stabil stehen könne, fragte sein Verteidiger. Pistorius erklärte, dass er kaum seine Balance auf den Beinstümpfen halten könnte. Er müsse in Bewegung bleiben um aufrecht stehen zu können. Er würde die Prothesen nur abnehmen, wenn er zu Bett gehe. Die Frage, ob Pistorius, bei den Schüssen Prothesen trug oder nicht, ist eine der umstrittenen Fragen in dem Fall.

Nach einer Mittagspause fragte Verteidiger Barry Roux weiter nach dem Umfeld von Pistorius. Drogen, Alkohol und auch Glaube waren Thema. "Es ist egal, was im Leben passiert, man kann sich immer Gott zuwenden", beschrieb Pistorius seinen Glauben, der ihm geholfen habe, das letzte Jahr überhaupt zu überstehen.

Pistorius erzählte außerdem von seinen Erfahrungen mit Kriminalität. Zwei Mal wurde bei ihm eingebrochen, einmal auf ihn geschossen, erklärte der Angeklagte im Zeugenstand.

Die Verteidigung von Pistorius zeichnete mit ihren gezielten Fragen ein Bild eines gläubigen, sportlichen Südafrikaners, der aufgrund seiner Behinderung früh gelernt hätte, für sich einzustehen und Stärke zu zeigen. Doch das Erleben von Gewalt und Kriminalität im engsten Umfeld hätte ihn zu einem ängstlichen Menschen gemacht, was auf den mehrfachen Waffenbesitz von Pistorius hinweisen soll. Eine Stoßrichtung, die zu erwarten war.

Pathologe gegen Pathologe

Der Prozesstag hatte Montagfrüh mit einem intensiven Kreuzverhör von Jan Botha begonnen, einem Pathologen. Botha ist ein Zeuge der Verteidiung. Zwei Themen standen bei der Befragung im Vordergrund: die Schusswunden von Opfer Steenkamp bzw. die Einschusslöcher und Kerben an der Badezimmertür, durch die Pistorius geschossen hatte, und der Mageninhalt von Steenkampf. In beiden Punkten sind sich die Zeugen von Verteidigung und Anklage nicht einig.

Die Staatsanwaltschaft hatte am Anfang des Prozesses im März mit dem Pathologen Gert Saayman einen Zeugen im Petto, der behauptete, dass Steenkamp etwa zwei Stunden vor ihrem Tod noch etwas gegessen hätte. Das widerspricht Pistorius' Polizei-Aussage, dass beide am späteren Abend des 13. Februar gemeinsam ins Bett gingen. Die Anklage will andeuten, dass es vor den Schüssen eventuell einen Streit des Paares gegeben hätte. Pathologe Botha gab am Montag hingegen zu Protokoll, dass das äußerst schwer zu bestimmen sei.

Über die Umstände von Steenkamps Tod sagte Botha: "Die Schüsse könnten innerhalb von vier Sekunden abgefeuert worden sein. Ich denke es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie in der Lage gewesen ist, zu schreien." Erneut wurden auch Bilder von den Wunden von Steenkamp gezeigt. Pistorius hatte die Befragung mit gesenktem Kopf verfolgt, die Anspannung direkt vor seiner Zeugenbefragung war ihm ins Gesicht geschrieben.


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