Alhendawi: „Warum wählen wir nicht auch per SMS?“

 Ahmad Alhendawi
Ahmad Alhendawi (c) Teresa Z�
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Ahmad Alhendawi, UN-Gesandter für Jugend, versucht zu erklären, warum weltweit junge Menschen auf die Straße gehen. Die These: Die Jungen interessieren sich für Politik, aber nicht für Regierungen und Wahlen.

Die Presse: Seit einem Jahr haben die Vereinten Nationen mit Ihnen einen Gesandten für Jugend. Was haben Sie seit Ihrem Antritt bewirken können?

Ahmad Alhendawi: Es ist das erste Mal, dass wir auf hoher UN-Ebene alle Organe, etwa die UNHCR, zusammenbringen und Jugendfragen erörtern können. Damit haben die Vereinten Nationen mehr Mechanismen, um Jugendliche direkt erreichen zu können. Wir haben den Schwerpunkt im vergangenen Jahr auf die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit gelegt.

Jugendarbeitslosigkeit ist ein Phänomen, das Entwicklungsländer mit Gegenden wie Europa gemeinsam haben. Denken wir etwa an die Proteste in Spanien.

Das Profil der Arbeitslosigkeit ist unterschiedlich. Zum Beispiel haben wir in Europa die vielleicht am besten ausgebildete, talentierteste Generation überhaupt – und trotzdem sind viele arbeitslos. In Ländern wie Ägypten hingegen haben wir eine hohe Rate an Analphabeten. Hier muss mehr in Bildung investiert werden.

Wie kann eine Lösung aussehen?

Wir müssen zugeben, wir wissen kaum, wie wir mit Arbeitslosigkeit in Gegenden wie Europa umgehen sollen. Unsere Programme werden normalerweise für Länder mit hohen Arbeitslosenraten wie etwa die arabischen Länder konzipiert. Daher müssen wir nach Österreich und Deutschland schauen: Die Jobgarantie für Junge ist sehr erfolgreich. Das könnte für andere europäische Länder die Antwort sein.

Ist das die eigentliche Herausforderung? Der richtige Umgang mit enorm gut ausgebildeten Jugendlichen, die keine großen Perspektiven haben?

Ja, vor allem in wirtschaftlich kritischen Zeiten. Wir haben in den vergangenen Jahren bemerkt, dass die Jugendarbeitslosigkeit unabhängig vom wirtschaftlichen Wachstum ist. Auch wenn Europa ökonomisch gut dasteht, heißt das nicht, dass mehr und gute Arbeitsplätze für Jugendliche entstehen.

Die Jugendarbeitslosigkeit war auch die Initialzündung für den Arabischen Frühling.

Das Problem war, dass die jungen Leute die treibende Kraft waren, aber nicht am Steuer saßen. Nach der Revolution haben die alten Eliten das Ruder übernommen, und darüber herrscht Frustration.

Das Spannende an den Protesten ist die globale Dimension. Egal, ob in einer europäischen Demokratie, einem islamisch geprägten Land wie der Türkei oder einem linken Land wie Venezuela: Die Jungen sind auf der Straße.

Proteste in Ländern, in denen keine Demokratie herrscht, sind nachvollziehbar, etwa in Ägypten. Die zweite Kategorie sind Länder, die ökonomisch straucheln. Auch hier kann man sich die Proteste erklären. Aber wie erklären wir uns die dritte Kategorie? In einem Land wie Brasilien, das eine demokratisch gewählte Regierung hat und wirtschaftlich wächst? Warum gehen da die Jugendlichen demonstrieren?

Warum?

Da stimme ich Lula da Silva, dem früheren brasilianischen Präsidenten, zu: Demokratie bedeutet für die heutige junge Generation nicht, alle vier Jahre wählen zu gehen. Für sie heißt Demokratie direkte Mitsprache auf allen Ebenen. Die Politik ist noch in der analogen Ära, alles andere ist bereits digital. Die Jungen sind daher abgeschnitten von der Politik. Junge Leute sind interessiert an der Politik, aber nicht an Regierungen und Wahlen.

Wie kann man dem entgegentreten? Demokratie abschaffen und die digitale Anarchie einführen?

Nein, wir müssen die Demokratie modernisieren, neue Wege für Beteiligungen finden. Wir können digital und per SMS schon so viel machen, warum wählen wir nicht auch auf diese Weise? Es gibt viele Möglichkeiten, von Textnachrichten bis hin zu sozialen Medien.

Die Regierung zu wählen ist aber ein längerer Prozess. Man informiert sich, man bildet sich eine politische Meinung, schließlich bewegt man sich bewusst zur Wahlurne. Degradiert eine SMS-Wahl nicht diesen Prozess?

Ich glaube trotzdem, dass wir uns in diese Richtung bewegen. Ob es uns gefällt oder nicht.

Wie kann eine SMS den demokratischen Prozess verbessern?

In Ägypten zum Beispiel können junge Leute per Textnachricht Belästigungen melden. Warum das Handy nicht unwichtig ist: Fast 75 Prozent der Weltbevölkerung sind offline, aber es gibt über 6,8 Milliarden Handybesitzer. Das ist fast die ganze Weltbevölkerung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2014)

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