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Ankläger der Kirche: Karl-Heinz Deschner tot

(c) Picasa

Seine "Kriminalgeschichte des Christentums" machte den wohl wütendsten aller Kirchenkritiker berühmt.

Ist es Zufall, dass die „Kriminalgeschichte des Christentums“ mit dem 18.Jahrhundert endet? Als vor einem Jahr der zehnte und letzte Band erschien, wusste der damals 88-jährige Autor offenbar schon, dass seine Kraft nicht weiter reichen würde. Das 18.Jahrhundert ist aber auch eine sinnfällige Endzeit, denn dort wurzelt die kirchenkritische Tradition, die der Deutsche Karl-Heinz Deschner mit seiner „Kriminalgeschichte“ radikalisiert und populär gemacht hat wie vor ihm kaum einer – und so wortreich begründet hat wie keiner.

 

Christentum größtes „Verbrechertum“

Ihn treibe Hass auf die Kirche, weil er ihre Geschichte kenne, sagte er. Auf tausenden seit 1986 publizierten Seiten agierte der rastlos Schreibende als Advocatus Diaboli. Chronologisch kompilierte er in der „Kriminalgeschichte“ alle Fakten, die er als Belege für die Untaten der Kirche sah: etwa für die Machtpolitik der Päpste, die christliche Sexualmoral und die Verfolgung von Andersdenkenden. Zwar distanzierten sich auch bekannte Kirchenkritiker wie Hans Küng von seiner Generalverurteilung, und Historiker bezichtigten ihn einseitiger, ahistorischer Fakteninterpretation; doch Deschners Werk wurde ungeheuer populär und lieferte im ausgehenden 20. Jahrhundert vielen die Argumente für den Kirchenaustritt.

Als sich Deschner nach dem Zweiten Weltkrieg an der Uni in Literatur, Theologie und Geschichte weiterbildete, war seine kirchengeschichtliche Stoßrichtung noch nicht sichtbar, wohl aber sein polemisches, schriftstellerisches Talent und seine Position als kritischer Außenseiter. Er publizierte eine Kampfschrift gegen die literarische Anti-Moderne (später attackierte er die seiner Meinung nach überschätzte Gruppe 47) und veröffentlichte 1956 den Roman „Die Nacht steht um mein Haus“, eine gnadenlose Abrechnung mit seinem Schriftstellersein.

Ein Jahr später aber schon gab er sein kirchenkritisches Debüt als Herausgeber der Sammlung („Was halten Sie vom Christentum?“, mit Texten etwa von Heinrich Böll und Arnold Zweig). Dann schrieb er 1962 mit „Und abermals krähte der Hahn“ sein erstes eigenes kirchenkritisches, schon historisch orientiertes Werk. 1970, 16 Jahre vor Erscheinen des ersten Bandes, schloss er mit Rowohlt den Vertrag über die „Kriminalgeschichte des Christentums“ ab, an der er dank privater Förderer in Ruhe arbeiten konnte.

Er habe „ein Schafott in mir“, sagte Deschner. In seiner Sicht des Christentums als „Gipfel welthistorischen Verbrechertums“ war er unbeirrbar; dennoch bedauerte er in den letzten Lebensjahren, seine Kraft nicht einer „noch hoffnungsloseren Thematik“ gewidmet zu haben: dem Tierschutz. (sim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2014)