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Andreas Treichl: "Haben den Blödsinn nicht erfunden"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Was giftige Bananen mit der Finanzkrise zu tun haben, wie sinnvolle Regulierungen "weglobbyiert wurden" und warum die Erste Group vorerst nicht nach Prag übersiedelt.

Wien. Andreas Treichl ist nie um ein klares Wort verlegen. So auch nicht am Dienstagabend, als er im Rahmen von „Wirtschaft Wissenschaft Unplugged“ an der Wiener Wirtschaftsuniversität mit dem WU-Professor Josef Zechner über Sinn und Unsinn von Finanzmarktregulierungen diskutierte. Mit einer simplen Geschichte erklärte der Generaldirektor der Erste Group seine Sicht auf die Auslöser der Finanzkrise: „Wenn Obstproduzenten vergiftete Bananen nach Europa verkaufen und die Europäer sie essen, wer ist schuld?“, fragte Treichl in den gut gefüllten Saal. „Meiner Meinung nach sind es die, die die Bananen produziert haben.“

Nächster Termin der Diskussionsreihe am 6. Mai 2014

Im Klartext: US-Investmentbanken verkauften undurchsichtige Finanzprodukte nach Europa, von denen niemand genau wusste, was eigentlich drinnen ist. Dann kollabierte die Investmentbank Lehman Brothers, und das System flog in die Luft. Die Europäer saßen auf den giftigen Papieren und mussten das Schlamassel mitausbaden. Treichl: „Wir haben den Blödsinn nicht erfunden, aber wir haben ihn zum Teil gegessen. Erfunden haben das die Investmentbanken, die vor allem in den USA sind“, so Treichl. Ein Mitgrund dafür war auch, dass das Gesetz den Banken nicht vorschrieb, dass sie von den Produkten, die sie verkauften, zumindest zehn Prozent selbst halten müssen. „Das umzusetzen wäre ganz einfach gewesen, aber es ist weglobbyiert worden.“

Treichls Message: Bank ist nicht gleich Bank. Auf der einen Seite stehen Geschäftsbanken wie die Erste Bank, die mit Krediten die Wirtschaft ankurbeln. Auf der anderen Seite die Investmentbanken, die mit ihren undurchsichtigen Geschäftsmodellen schuld an der Finanzkrise sind. Hinter dieser These steht auch Josef Zechner, Professor am Institut für Finance und Investments an der WU. Das Finanzsystem sei der Blutkreislauf des Wirtschaftssystems, meint Zechner. Finanzmärkte trügen auch zur Innovation bei, indem sie gute Ideen finanzieren. „Das Finanzsystem hat wichtige Beiträge zum Wohlstand in Europa geleistet“, so Zechner.

Da ist freilich auch Treichl voll auf Linie. Innovation könne auch bedeuten, in einer „Mittelklassegegend“ wie Leogang in Salzburg ein Luxushotel zu bauen. Die Banken seien ganz generell am Erfolg des heimischen Tourismus beteiligt, sagt Treichl, da sie jahrelang Kredite an kleine Tourismusbetriebe vergeben hätten. Mit allen damit verbundenen Risken.

„Keiner kennt sich aus“

Künftig werde das nicht mehr so einfach gehen, so Treichl, weil neue Regulierungen („ein großes Regelwerk, wo sich keiner auskennt“) Kreditvergaben erschwerten. Geldmangel sei jedenfalls nicht das Problem: „Ich habe so viel Liquidität, ich freue mich über jeden Kredit, den ich vergeben kann.“ Auch Zechner spricht sich gegen zu detaillierte Regulierungen aus. Sinnvoller seien Regulierungen, die auf Prinzipien beruhten und so die Richtung vorgeben.

Nur wenige Stunden vor Beginn der Veranstaltung war das Gerücht durchgesickert, dass die Erste Group erwäge, ihr Hauptquartier nach Prag zu verlegen. Darauf angesprochen, antwortete Treichl eher ausweichend: Er verwies darauf, dass die Erste Group gerade ihre neue Firmenzentrale am Wiener Hauptbahnhof baut, die bis 2016 fertig sein soll. Für 300 Mio. Euro. Und er freue sich schon sehr, dort einzuziehen. Zusatz: Man schlage sein Headquarter dort auf, wo man die besten Bedingungen vorfinde. „Ich möchte, dass man uns mit Respekt behandelt“, so Treichl in Richtung Regierung.

„PRESSE“-VERANSTALTUNG

Praxis trifft Wissenschaft. Im Rahmen von „Wirtschaft Wissenschaft Unplugged“, einer Kooperation von „Presse“, Erste Group und Wirtschaftsuniversität Wien, diskutieren Manager und Professoren über aktuelle wirtschaftliche Themen. Am 6. Mai 2014, ab 18 Uhr, diskutiert Gerhard Roiss, Vorstandsvorsitzender der OMV, mit Professor Werner Hoffmann, WU-Institut für Unternehmensführung, über den „Wirtschaftsmotor Energie“. Im Anschluss moderiert Hanna Kordik, Leiterin des Wirtschaftsressorts der „Presse“, eine Publikumsdiskussion. DiePresse.com/unplugged.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2014)