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Geldschwemme im Hause Erdoğan

(c) APA/EPA/SEDAT SUNA (SEDAT SUNA)
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Vizepremier Arinç bestätigte eine Spende von 100 Millionen Dollar an Bilal Erdoğan, den Sohn des Premiers. Laut Opposition fließt über die Stiftung Türgev Schmiergeld aus Nahost.

Istanbul. Wenn der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan geglaubt haben sollte, er habe sich mit dem Sieg bei den Kommunalwahlen die lästigen Korruptionsvorwürfe vom Hals geschafft, hat er sich getäuscht. Erdoğans eigener Regierungssprecher und Vizepremier, Bülent Arinç, bestätigte jetzt den Eingang einer Spende von fast 100 Millionen Dollar bei einer Stiftung von Bilal Erdoğan, einem Sohn des Premiers. Woher das Geld stammt, weiß niemand, die Opposition spricht von Korruption.

Es ist nicht das erste Mal, dass Bilal in einen üblen Ruch gerät. Der 33-Jährige, der jüngere von zwei Erdoğan-Söhnen, studierte in den USA und arbeitete bei der Weltbank. In Istanbul betätigt er sich als Geschäftsmann und als Vizepräsident der Stiftung Türgev, die sich um die Bildung islamisch-frommer Schülerinnen und Studentinnen kümmert. In der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Oppositionspartei CHP erklärte Arinç, seit 2008 habe Türgev rund zehn Millionen Euro von Spendern in der Türkei erhalten – und genau 99.999.990 Dollar aus dem Ausland. Den Absender nannte Arinç nicht.

 

„Zentrum der Korruption“

Die CHP hat die Dollarsumme bereits in den vergangenen Monaten genannt und den Verdacht geäußert, es handle sich um Schmiergeld aus dem Nahen Osten. Jetzt ist die Riesenspende offiziell bestätigt. Es ist nicht die einzige Merkwürdigkeit bei Türgev. Laut Presseberichten hatte die Stiftung im Jahr 2012 ein Budget von 40 Millionen Euro – ausgegeben wurden aber nur 5,4Millionen. CHP-Chef Kemal Kiliçdaroğlu bezeichnete Türgev als „Zentrum der Korruption“.

Kritiker werfen der Stiftung vor, sie profitiere von der Familienzugehörigkeit ihres Vizepräsidenten. Laut der Zeitung „Taraf“ erhielt Türgev in Istanbul Immobilien, um darin teure Kindergärten zu betreiben. Türgev habe in Istanbul ein Armeegelände zum Bau einer Universität erhalten sollen, berichtete das Blatt „Cumhuryiet“. Das Vorhaben sei aber wegen der Korruptionsvorwürfe gegen die Regierung Erdoğan auf Eis gelegt worden.

Angeblich abgehörte Gespräche zwischen Bilal Erdoğan und seinem Vater vom Dezember belegen nach Ansicht der Opposition zudem, dass die Erdoğans illegal großen Reichtum angehäuft haben. Demnach half Bilal dabei, Millionensummen vor der Staatsanwaltschaft zu verstecken. „Da sind noch 30Millionen Euro“, soll Bilal gesagt haben, nachdem er einen ganzen Tag damit zugebracht hatte, Bargeld aus dem Haus zu schaffen.

Bilal Erdoğan wurde auch im Zusammenhang mit dem saudischen Unternehmer Yasin al-Kadi genannt, der in ein umstrittenes Grundstückgeschäft in Istanbul verwickelt gewesen sein soll. In den USA gilt al-Kadi wegen seiner angeblichen Nähe zum Netzwerk von Osama bin Laden als Terrorist.

Ermittler luden Bilal Erdoğan wegen seiner Kontakte zu al-Kadi zum Verhör. Doch die Staatsanwälte wurden auf Druck der Regierung abgelöst. Erst vor wenigen Wochen dementierte Bilal bei den neu eingesetzten Staatsanwälten alle Vorwürfe. Erdoğan betrachtet den Korruptionsskandal als Komplott der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2014)